Interview. Der Historiker Jürgen Kocka über die Moden und das Wahre seines Fachs.
Die Presse: Sie referierten in Wien über „Mode und Wahrheit“. Was bedeutet dieses Begriffspaar für die Geschichtswissenschaften?
Jürgen Kocka: Unser Fach hat sich tatsächlich in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert. Ein wenig hat das auch mit Mode zu tun, verstanden als eine Form der Veränderung, die sich von Altem absetzt, weil es alt ist und altmodisch wird, ohne dass es schon widerlegt wäre, und die sich Neuem zuwendet, weil es neu ist und daher fasziniert. Mit Walter Benjamin kann man sagen, dass Mode auch etwas Produktives sein kann. Sie erlaubt es, Sensibilität für das Aktuelle zu entwickeln, und hilft vielleicht mit, zu zeitgemäßen Antworten zu kommen.
Welche „Moden“ hat die Geschichtswissenschaft in letzter Zeit erlebt?
Kocka: Die eher sozialgeschichtliche Ausrichtung in den 60er- und 70er-Jahren, dann die stärker kulturgeschichtliche Orientierung in den letzten Jahrzehnten. Derzeit neigt man zu globalgeschichtlichen Fragen.
Worin besteht für Sie, universal gesprochen, der Sinn der Geschichte?
Kocka: In der Geschichtswissenschaft geht es auf jeden Fall auch darum, die Fakten festzustellen und gegen Irrtümer abzusichern. Aber natürlich kann es dabei nicht bleiben, sondern es geht um die Deutung und Erklärung vergangener Ereignisse oder Befunde oder Prozesse. Die Quellen sprechen nicht aus sich heraus, sie müssen zum Sprechen gebracht werden. Dabei sind die Fragen und Erkenntnisinteressen der Historiker zentral, die aber ändern sich mit der Zeit. Deswegen ändert sich ein Stück weit auch immer wieder die historische Wahrheit.
Die Wahrheit ist symphonisch, hat der Theologe Hans Urs von Balthasar gesagt.
Kocka: Der Begriff „symphonisch“ scheint mir auch angebracht – jedenfalls dann, wenn man zugesteht, dass zu Symphonien auch Disakkorde, Konflikte und Gegensätze dazugehören können! Die Deutung der Geschichte tritt zum Glück immer im Plural auf, sodass sich die verschiedenen Deutungen aneinander abarbeiten können.
Zur interessantesten Geschichte im 20. Jahrhundert gehört die deutsche.
Kocka: Für meine Generation von deutschen Historikern war die Frage nach der Deutung und Erklärung der Katastrophe von 1933 bis 1945 ganz zentral. Ein erheblicher Teil der historischen Arbeit, soweit sie sich aufs 19. und 20. Jahrhundert bezog, hatte dies als Fluchtpunkt. Damit hängen die großen Kontroversen in der jüngeren deutschen Geschichtswissenschaft zusammen, bestimmte einflussreiche Deutungen wie die These vom Deutschen Sonderweg, eine kritische Unterscheidung der deutschen Geschichte von der des Westens. Die Historiker haben viel mit den öffentlichen Bedürfnissen nach Klärung, Identität, kollektivem Gedächtnis zu tun. Aber mittlerweile befinden wir uns in einer Zeit, in der sich tatsächlich andere Fragestellungen nach vorne drängen. Die jüngste Generation der Historiker und Historikerinnen ist fasziniert von grenzüberschreitenden Fragestellungen, nach dem Verhältnis zwischen dem Westen Europas sowie Amerikas und anderen Teilen der Welt – Indien, Afrika, Ostasien. Da finden im Augenblick die großen Debatten statt, sie helfen mit, die lange vorherrschende nationalgeschichtliche Rahmung unseres Denkens und Forschens zu durchlöchern, auszuweiten, zu transzendieren.
In diesem Jahr wurde die Geschichte der 68er erneut massiv abgearbeitet. Götz Aly hat sie kritisch analysiert. Wie sehen Sie diese Zeit?
Kocka: Im Augenblick ist die Debatte sehr kontrovers. Aly rechnet ab. Er hat zu den Verfallsprodukten der 68er-Bewegung, den „K-Gruppen“, gehört und wendet sich mit einer Vehemenz gegen diese seine eigene Vergangenheit. Dabei wirft er alles in einen Topf und kritisiert die 68er insgesamt mit. Das halte ich für falsch. Auf der anderen Seite hat es in diesem Jahr 2008 auch viel Beweihräucherung ehemaliger 68er gegeben. Mir scheint es darauf anzukommen, das Ganze als ein internationales Phänomen zu sehen, das wird der Deutung der Bewegung Gerechtigkeit bringen.
Ihre Eltern kommen aus dem Sudetenland. Wieweit ist so etwas prägend?
Kocka: Die Prägung wird einem im Alter immer deutlicher. Das war familiengeschichtlich ein tiefer Bruch, den man in seinen Verästelungen und meistens eher beschwerenden Folgen durchschaut. Ich habe immer eine Verbindung zu dieser Region behalten, die über Prag eher nach Wien orientiert war als über Breslau und Dresden nach Berlin. Im Übrigen habe ich nie die Aktivitäten von Vertriebenenverbänden geteilt und unterstützt. Und ich habe sehr früh innerlich auch eine Bereitschaft entwickelt, diese Verluste an Heimat und Herkunft auch als Folge eines von den Deutschen begonnenen und geführten Krieges zu akzeptieren. Ich habe von daher vielleicht auch immer eine gewisse Distanz zu einer zu sehr nationaldeutsch angestrichenen Geschichtssicht gehabt und bin auch vielleicht von daher bereit, Geschichte als einen ambivalenten, durchwirkten Prozess zu akzeptieren, der mit vielen dunklen Seiten und manchen hellen Seiten verbunden ist.
Wie würden Sie Europas Geschichte des 20. Jahrhunderts in fünf Sätzen zusammenfassen?
Kocka: Es ist die Geschichte eines Jahrhunderts, das in zwei ganz unterschiedliche Teile zerfällt, nämlich in eine Geschichte zunehmender Gewaltsamkeit und Zerstörungskraft bis 1945 und in eine Geschichte des Daraus-Lernens, der zunehmenden Friedlichkeit und Lösungsfähigkeit auf der anderen Seite. Wenn man sich das Maß an innerer und äußerer Militarisierung, an Kriegsneigung und Härte auch vor Augen führt, welches Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert in Deutschland und anderswo in Europa existierte, und wenn man das vergleicht mit dem relativ friedlichen und in vieler Hinsicht geradezu weichen Kontinent am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts, dann hat man einen Wandel sondergleichen vor sich, der im Inneren noch nicht letztlich erklärt ist, aber, positiv gedeutet, eine Geschichte des Lernens aus Katastrophen ist, wie es eigentlich selten sonst in der Geschichte gelang.
AUF EINEN BLICK
■Jürgen Kocka (*1941), an der FU Berlin Professor für die Geschichte der industriellen Welt, referierte am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen über den Wandel der Geschichtswissenschaft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2008)