Theaterkrach vor dem wirklichen Unwetter

Die Salzburger Festspiele suchen einen Intendanten. Hoffentlich ist diese Person auch wirklich krisenfest.

Eigentlich müsste das Kuratorium der Salzburger Festspiele heute feiern: Die vergangene Saison war äußerst erfolgreich, wie der Rechnungsabschluss zeigt. 253.850 Gäste kamen an 37 meist schönen Sommertagen nach Salzburg, die Gesamtauslastung betrug 93 Prozent. Mehr als 25 Millionen Euro wurden eingespielt. Das ist die zweithöchste Einnahme in der Geschichte des Festivals, besser war es nur im gigantischen Mozartjahr 2006.

In Salzburg wird aber nicht jubiliert, sondern frühzeitig Abschied genommen von Mitgliedern der künstlerischen Leitung. Schauspielchef Thomas Oberender geht noch 2009, weil er sich, wie er dem Kuratorium anvertraute, gemobbt fühlte – von Intendant Jürgen Flimm, der ihn selbst 2006 zu den Festspielen gebracht hatte.

„Oberender ist in Salzburg ein sehr guter Theaterdirektor geworden, ich wünsche ihm ernsthaft alles Gute“, sagte Flimm gönnerhaft nach Besiegelung der Trennung. Das klingt wie vergiftete Rhetorik aus einem Intrigenstück, wenn man dazu kontrastiert, was der Schauspielchef sagt. Die schmerzhafteste Zeit seines Lebens sei es gewesen. So ein Satz wird nicht durch Beschönigungen gelindert.

Flimm soll in der letzten Saison kaum ein Wort mit Oberender gesprochen haben. Das grenzt in der Kommunikationsbranche an Fahrlässigkeit. Ergebnis: Auch Flimm verlässt Salzburg – vertragsgemäß 2011. Er wäre aber noch gerne ein wenig geblieben, wenn ihn die Politik aus Bund, Land und Stadt nett gebeten hätte.

Sie tat es nicht, also kann man davon ausgehen, dass auch der Intendant nicht länger erwünscht ist. Was trägt daran Schuld? Das kommende Schauspielprogramm als Produkt erlittener Frustrationen? Der Papierform nach wird dort die Saison 2009, die sinnigerweise unter dem Motto „Das Spiel der Mächtigen“ steht, mäßig. Neben den „Bakchen“ von Euripides in der Regie von Jürgen Gosch scheint noch die Reprise von Andrea Breths „Verbrechen und Strafe“ das Aufregendste – oder vielleicht ein Beckett-Handke-Abend, der heuer bereits als Probedurchgang in kleinem Rahmen zu sehen war. Als Dichter ist Daniel Kehlmann zu Gast – achtbar, aber nicht eben glamourös wie die Nobelpreisträger, die zuletzt in der Stadt waren. Der von Markus Hinterhäuser erneut intelligent programmierte Konzertbereich hat jedenfalls wesentlich mehr Charme.

Sitzt also das Ungemach vielleicht tiefer? Wie steht es um das Kernstück, die Oper, die vom Intendanten ganz persönlich betreut wird? Diesmal gibt es bloßes Repertoire zu Festspielpreisen, meint so mancher Musiktheaterexperte. Das sollte man bei aller feuilletonistischen Zuspitzung ernst nehmen. Mittelmaß wäre Gift für das selbst aus Wiener Sicht schönste Kulturfestival der Welt. Und Niederlagen kann sich auch Salzburg kaum leisten.

Wahrscheinlich sind die persönlichen Querelen nämlich Ausdruck einer tieferen allgemeinen Krise. Denn die Intendanz und Präsidentschaft leistet sich eine Führungsdiskussion in ganz heikler Zeit. Man lässt mit Theaterkrach aufhorchen, während draußen in der gewöhnlichen Welt schwerste Unwetter aufziehen.

Große Kulturinstitutionen in den USA, die (so wie Salzburg) vor allem von privaten Sponsoren abhängig sind, haben wegen der Wirtschaftskrise längst auf Sparflamme geschaltet, um die öffentlichen Subventionen, die in Österreich klugerweise (und so der Finanzminister will) ein wenig erhöht werden sollen, haben bereits erbitterte Verteilungskämpfe begonnen. Jene Empfänger, die gut wirtschaften, steigen bei dieser Umverteilung nicht immer gut aus. Auch gibt es noch ein schlecht durchdachtes Antikorruptionsgesetz, das gerade hochklassige Kulturbetriebe unter Druck setzt. Einladungen zu Oper und Konzert sind neuerdings bei einigen großen Firmen verpönt.

Einen Schönwetter-Intendanten kann sich derzeit kein Kulturbetrieb leisten. Schleunigst müsste also für die Salzburger Festspiele eine Persönlichkeit von europäischem Format gefunden werden, die auch wirklich krisenfest ist. Zugleich sollte das Kuratorium vielleicht auch darüber nachdenken, ob man ein derartiges Spiel der Mächtigen, wie es die Intendanz zuletzt geboten hat, durch klare Kompetenzverteilung unterbinden kann: An der Spitze ein kreativer Geist, der Tradition und Avantgarde mühelos verbindet, dahinter ein kostenbewusstes Management, daneben eine Präsidentin, die mit den Gönnern und der Society blendend umgehen kann. Und die Politik? Die sollte das tun, was schwerfällt: Die Festspiele ohne viel Getöse fördern.

Bericht im Feuilleton Seite 27

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2008)

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