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Forschungsförderung: Hirndoping für alle!

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wissenschaftler und das Journal „Nature“ befürworten die Einnahme leistungsfördernder Medikamente.

Anfang April tauchte im Internet eine Drohung der National Institutes for Health (NIH) auf – diese US-Behörde ist einer der größten Geldgeber der medizinischen Forschung –, derzufolge niemand mehr gefördert werde, der „brain-doping“ betreibe, es gab auch einen Link zur „World Anti-Brain Doping Authority“. Das Ganze war ein Aprilscherz, aber er brachte einige Unruhe in Hörsäle und Labors (und in die Redaktionsstuben von Nature). Denn dort wird das Gehirn gedopt (und bei Nature wird das seit einem Jahr propagiert): Geschätzte sieben Prozent der US-Studenten nehmen, obwohl völlig gesund, Arzneimittel, die die Leistungsfähigkeit steigern (sollen), das rasche Begreifen ebenso wie die Konzentration und das Gedächtnis. An manchen Universitäten sind es 25 Prozent, es gibt blühende Schwarzmärkte vor allem für zwei Medikamente bzw. Wirkstoffe: Ritalin (Methylphenidat) und Adderall (Amphetamine).

Beide sind Sympathomimetika vulgo Aufputschmittel, die die Leistungsfähigkeit von Körper und Geist erhöhen. Amphetamine sind in dieser Rolle alte Vertraute, sie haben schon viele Soldaten in den Schlachten fit gehalten, sie tun es auch heute. Im Zivilleben werden beide vor allem bei ADHD eingesetzt – das ist die Krankheit, die Kinder zu Zappelphilippen macht –, beide gibt es in den USA nur auf Rezept (in Österreich braucht Ritalin zusätzlich eine Suchtgiftverschreibung, Adderall ist nicht am Markt). Sind solche Medikamente etwas für Gesunde? „Mental kompetente Erwachsene sollten in die Lage versetzt werden, ihre geistige Leistungsfähigkeit mit Medikamenten zu fördern.“

Das fordern, in Nature, ein Arzt, eine Psychologin, ein Hirnforscher, ein Jurist, ein Ethiker – und ein Journalist von Nature (7.12.). Diese Mischung von Wissenschaft und Journalismus ist präzedenzlos, aber es geht schließlich um die gute Sache: „Anders als Leistungsförderung in Sportwettbewerben könnte geistige Leistungsförderung zu substanziellen Verbesserungen in der Welt führen.“

 

Akzeptabel wie Kaffee?

Wenn bloß nicht auch Bösewichte Ritalin und Adderall einwerfen! Aber auf die Idee kommen die Proponenten nicht, sie wehren stattdessen Einwände ab: Doping, auch des Gehirns, ist (a) Betrug und (b) unnatürlich. Aber: Was Betrug ist, sei Definitionssache, und Leistungsförderer gebe es ohnehin schon genug, man denke nur an den „doppelten Espresso“ oder den „Taschenrechner“. Allerdings müsse es beim Ritalin-Schlucken gerecht zugehen – keine Privilegien! –, es dürfe auch niemand dazu gezwungen werden.

Und bei Kindern sollte man es bleiben lassen. Zwar weiß man nichts über Langzeitfolgen, aber eine kurzzeitige ist bekannt: Kinder mit ADHD, die mit Stimulantien therapiert werden, wachsen langsamer (Nature, 450, S.1158).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2008)