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Die Dinosaurier der USA kämpfen ums Überleben

BIG THREE. Die großen Autofirmen haben die Zeichen der Zeit lange nicht erkannt.

WASHINGTON.Unter der Kuppel des Kapitols und abseits der Sitzungszimmer, in den Klubs und Lounges rund um den Kapitolshügel entscheidet sich dieser Tage die Zukunft der einst mächtigsten und traditionsreichsten Branche der US-Wirtschaft. Die Lobbyisten geben sich die Klinke in die Hand, Präsident George W. Bush beschwört die widerwilligen republikanischen Senatoren, ihre Skepsis gegen einen Rettungsplan für die US-Autofirmen aufzugeben. In der Vorwoche haben die Politiker die Autobosse einem Kreuzverhör unterzogen, das die Zweifel nicht beseitigt, sondern bei manchem eher noch bestärkt hat.

„Wenn wir nichts tun, besteht die Gefahr, dass es bald keine amerikanische Autoindustrie mehr geben wird“, warnte der demokratische Abgeordnete Steny Hoyer in einem Appell an seine Kollegen vor der Abstimmung über ein Rettungspaket, das inzwischen von den ursprünglich angepeilten 34 Mrd. Dollar auf 14 Mrd. Dollar geschrumpft ist. Im Repräsentantenhaus hat der Gesetzesentwurf über eine Soforthilfe für die „Big Three“ die erste Hürde dann auch locker übersprungen. 237 Abgeordnete stimmten dafür, 170 dagegen, was die Mehrheitsverhältnisse zwischen Demokraten und Republikanern ziemlich getreu widerspiegelt.

Im Senat kann die republikanische Minderheit die Nothilfe dagegen schon mit 40 Stimmen blockieren. Senatoren wie Richard Shelby aus Alabama argwöhnen, dass noch mehr Geld für eine Sanierung verbrannt wird, die ohnedies zum Scheitern verurteilt sei. In einigen Monaten, so die Angst, könnten die Autofirmen bereits wieder in Washington als Bittsteller vor der Tür stehen.

Einmal schon sprang der Staat einem der großen Autokonzerne mit einer Finanzspritze bei. Als die Benzinpreise während der Ölkrise der 70er-Jahre in die Höhe schnellten und der Absatz einbrach, stürzte Chrysler in eine Existenzkrise. Eine Nothilfe des Staates von 1,5 Mrd. Dollar und ein rigoroser Sanierungskurs des Topmanagers Lee Iacocca brachten den Konzern wieder zurück in die schwarzen Zahlen. Chrysler zahlte den Überbrückungskredit zurück.

Viele Finanzexperten sind jetzt aber skeptisch, ob dies wieder gelingt. Sie plädieren dafür, die Firmen in einen Konkurs schlittern zu lassen, aus dem eine Fusion von General Motors (GM) und Chrysler hervorgehen könnte. Andere glauben, wie Nobelpreisträger Paul Krugman, dass die US-Autoindustrie über kurz oder lang verschwinden werde.

Dabei hatte sie lange die Standards gesetzt. Vor dem Ersten Weltkrieg war in Michigan das erste Auto – ein Ford – vom Fließband gegangen, und nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Limousinen und Straßenkreuzer „made in USA“ – die Buicks, Cadillacs und Chevrolets – Symbol von Luxus und Überfluss.


„Schleichender Selbstmord“

Aber ausgerechnet im Jubiläumsjahr des ehemaligen Aushängeschilds und weltweit größten Autoproduzenten General Motors stecken die Dinosaurier der „Big Three“ in einem Überlebenskampf, der dramatischer ist als während der Ölkrisen der 70er-Jahre. Ein Politiker sprach sogar von einem „schleichenden Selbstmord“ der Branche seit 30 Jahren.

Die großen US-Autofirmen haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt und viel zu spät gegengesteuert. Sie haben Technologien wie das Hybridauto verschlafen, haben am Konsumenten vorbeiproduziert – und zu allem Überdruss hat auch die Qualität gelitten. Vor allem haben sie die Konkurrenz aus Japan nicht ernst genommen, die ihnen in vielen Belangen den Rang abgelaufen hat.

Im Allmachtgefühl, aus der Position des Marktführers heraus und um des Prestiges wegen haben die „Big Three“ expandiert und europäische Firmen wie Volvo und Fiat aufgekauft. Statt Energiesparmodelle zu entwickeln, haben sie weiter auf Größe und auf Spritfresser gesetzt: Mittlerweile gelten die Hummer als unverkäuflich, und die Händler bleiben auf den SUV – den Sport Utility Vehicles – sitzen, obwohl der Benzinpreis in den USA wieder auf ein Drittel des Spitzensatzes vom Vorjahr heruntergerasselt ist.

Und zudem hat die Automobilarbeitergewerkschaft großzügige Bedingungen für ihre Mitglieder ausgehandelt: Die Pensionsregelung samt Gesundheitsvorsorge frisst ein tiefes Loch in die Kassa. Pro Monat verliert GM derzeit zwei Mrd. Dollar, und ohne eine Staatshilfe von vier Mrd. Euro ist der Konzern zu Weihnachten bankrott. Vor dem Kongress hat GM nun radikale Sparmaßnahmen angekündigt, die indessen womöglich zu spät kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2008)