Philharmonische Aktivitäten auf heiklem Terrain – mit prominenten Gästen am Flügel.
Der 100. Geburtstag Olivier Messiaens ging in Wien nicht unbemerkt vorüber. Thomas Daniel Schlee, Intendant des Carinthischen Sommers, Organist und Kompositions-schüler des Großmeisters der europäischen Moderne, sprach im Gläsernen Saal des Musikvereins über seine Messiaen-Erfahrungen – und Studenten der Wiener Musik-Universität musizierten Ausschnitte aus dem umfangreichen Oeuvre des Franzosen. Das singuläre Wesen von Messiaens Schaffen, das zwischen radikaler musikalischer Konstruktivität und tönendem katholischen Glaubensbekenntnis changiert, bleibt eines der großen Rätsel der jüngeren Musikgeschichte; und die Klänge in ihrer existenziellen Intensität fesseln stets aufs Neue.
Eines der Hauptwerke, das in der Kriegsgefangenschaft entstandene „Quartett auf das Ende der Zeit“, stand im Zentrum eines Abends, den philharmonische Solisten im Verein mit einem der besten Dirigenten der jungen Generation im Gläsernen Saal veranstalteten: Philippe Jordan erwies sich an der Seite von Rainer Küchl, Franz Bartolomey und Ernst Ottensamer nach übereinstimmender Meinung aller Besucher als Meisterpianist, der weder Messiaens höllische Schwierigkeiten noch Beethovens Ansprüche (im „Geistertrio“) zu scheuen braucht. Solches steigert den Respekt vor einem Mann, der vor allem als Kapellmeister Karriere macht, nicht nur im Publikum, sondern auch bei den Musikern, ist der Maestro doch für eineinhalb Stunden einmal wirklich einer der ihren.
Nebst Rainer Küchl, dem lang gedienten Kammermusiker am philharmonischen Konzertmeistersessel, präsentierte sich im selben Ambiente wenig später auch Kollege Volkhard Steude. Er richtet mit seinem – ebenfalls aus philharmonischen Musikern gebildeten Quartett – einen eigenen Musikvereins-Zyklus aus, dessen zweiter Abend ausschließlich ungarischer Musik galt.
Das jüngste philharmonische Quartett
Das jüngste der philharmonischen Quartette konnte da alle Stärken ausspielen, von den quasi-impressionistischen, schillernden Farben im Zweiten Streichquartett Zoltán Kodálys über die aggressiven, doch dank vernünftiger Tempi auch feinsinnig nuancierten rhythmischen und harmonischen Akzente in Bartóks Nummer vier gab's viel auszureizen. Vor allem die Mittelsätze des euphemistisch als „in C-Dur“ angekündigten Werks gerieten zu klanglichen Meisterstücken. Mochte im Pizzicato-Furor auch eine Saite reißen: Die Stimmung während der konzentrierten Pianissimi im zentralen Adagio verdichtete sich atemberaubend.
Zuletzt schwelgerische Romantik mit der wunderbar anpassungsfähigen Barbara Moser am Steinway: Ernst v. Dohnányis Quintett op. 1 geriet zum herzerwärmenden Ausklang, gerade weil gesunder Musiziergeist jegliche Verkitschung verhinderte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2008)