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Gebet Glühbirnen-Freiheit, Sire!

Die EU hat in unseren Wohnzimmern so wenig zu suchen wie jeder andere Einschleichdieb.

Sollten Sie, geehrte Leserin, geehrter Leser, das dringende Bedürfnis empfinden, gemütliche Abende in Ihrem Wohnzimmer künftig im kuscheligen Licht einer Intensivstation zu verbringen, so wird Ihnen geholfen werden. Die 27 EU-Mitgliedstaaten haben nämlich einmütig beschlossen, ihren Bürgern den Erwerb herkömmlicher Glühbirnen zu verbieten (so wie ja auch den von Heroin oder Maschinenpistolen), und erzwingen daher künftig die Verwendung der ungemütlichen, unpraktischen, daher bis jetzt mit Recht ziemlich unverkäuflichen „Energiespar“-Lampen (deren tatsächlicher Spareffekt übrigens arg in Frage gestellt wird). Dank dieser obrigkeitlichen Zwangsmaßnahme werden Sie also künftig in Ihren privaten vier Wänden mit einiger Anstrengung bestenfalls die Lichtverhältnisse einer italienischen Fernfahrerkneipe genießen können (außer, was höchst empfehlenswert ist, Sie legen sich einen bis ans Lebensende reichenden Vorrat an traditionellen Glühbirnen an. Sparen Sie dabei nicht, Ihre Erben werden glücklich über allfällige Restbestände sein. Auch als Gastgeschenk, etwa anstelle einer Flasche Château Petrus, werden 100er-Birnen künftig gefragt sein).

Man könnte das angesichts der wirklich gravierenden Probleme, vor denen heute der EU-Gipfel steht, als lästige Marginalie verdrossen zur Kenntnis nehmen und abhaken. Doch die üble Anmaßung der EU (also: Ihrer Regierungen), ihre Finger bis in unsere Wohnzimmer zu stecken, ist leider symptomatisch für die zunehmende Intensität, mit der sich die EU um Dinge kümmert, die sie nichts angehen. Sie stärkt damit – leider – die Position der europhoben, kleingeistigen Nationalstaatler; sie arbeitet also ihren Gegnern direkt in die Hände.

Das ist problematisch, weil angesichts der gerade erst beginnenden Weltwirtschaftskrise eine möglichst effiziente Union überlebensnotwendig sein wird – und nicht eine Union, die ihre Bürger möglichst effizient gegen sich aufbringt.

Das ist aber vor allem auch problematisch, weil sich hier offenkundig zwei, schon jeweils für sich schädliche Tendenzen vereinigen: Jene der etatistisch versifften EU-Institutionen, sich nach den Gurken nun um die Birnen zu kümmern, verschmilzt ungustiös mit jener der Regierungen, angesichts der Krise den Staat jetzt wieder mit Aufgaben zu betrauen, für deren Erfüllung er nachweislich nichts taugt.

Die Behauptung notorischer EU-Feinde wie etwa des Tschechen Václav Klaus, die Union ähnle immer mehr dem einstigen Sowjetsystem, klang bisher wie die leicht hysterische Reaktion eines bedauernswerten Opfers dieses Systems. Beginnen Europas Staaten aber, nicht nur ihre Banken und Industriebetriebe sukzessive zu renationalisieren, sondern schreiben sie ihren Bürgern auch noch vor, welche Glühbirnen sie verwenden dürfen (warum nicht auch: welche Heizung, welchen Kühlschrank, welche Fenster?), dann wird aus dem bisher stark hinkenden Vergleich des Václav Klaus leider die schiere Feststellung einer Realität. Manchmal ist dieses Europa eben eine unerträglich zickige Geliebte.

Christian Ortner ist Journalist in Wien.


christian-ortner@chello.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2008)