Die Reisen der Bombe

(c) EPA (Hiroshima Peace Memorial)
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Laut US-Quellen wurde die Atombombe nur einmal entwickelt und ging dann von Hand zu Hand.

Als die ersten beiden Atombomben gefallen waren, überkamen Robert Oppenheimer – den Chef der Bombenentwickler des „Manhattan Project“ in Los Alamos – düstere Ahnungen: „Es ist nicht allzu schwer, sie zu bauen. Es wird sie bald überall geben, wenn die Menschen wollen, dass es sie überall gibt.“ Das schien sich bald zu bestätigen, das Know-how blieb nicht lange Monopol der USA, erst folgte die Sowjetunion, dann kamen Großbritannien, Frankreich, China.

Aber viele folgten nicht, der „Atomklub“ umfasst heute außerdem Israel, Indien, Pakistan und (mit Fragezeichen) Nordkorea. Warum nur neun? Es weiß doch jeder, dass man sich aus dem Internet die Bastelanleitungen holen kann und dann nur ein wenig technisches Geschick braucht. Vielleicht ist es doch nicht so einfach: „Seit der Geburt des nuklearen Zeitalters hat keine Nation aus eigener Kraft eine Bombe entwickelt, auch wenn manche den Anspruch erhebt.“

Das formulieren Thomas Reed, Ex-US-Luftwaffen-Minister, und Danny Stillman, Ex-Sicherheitsdirektor in Los Alamos (in dem Buch „The Nuclear Express: A Political History of the Bomb“, es erscheint im Frühjahr, die New York Times hat es vorweg rezensiert). Demnach ging die immer gleiche Blaupause von Hand zu Hand, durch Spionage oder aus Freundschaft: Die erste sowjetische Atombombe soll exakt nach dem Plan der Nagasaki-Bombe konstruiert worden sein, die Unterlagen kamen partiell vom Atomspion Klaus Fuchs, er soll sie auch von Moskau nach Peking weitergereicht haben. Von dort gingen sie unter Mao nach Pakistan, Libyen, Nordkorea – und Algerien, das den Autoren zufolge zu wenig beachtet wird und in einem Atomkraftwerk jedes Jahr genug Plutonium für eine Bombe erbrütet. (Algerien weist jede Bombenabsicht von sich.)

Ein zweiter großer Wissenstransfer lief von Los Alamos nach Israel, teils direkt – über den späteren Nobelpreisträger Isidor Rabi –, teils indirekt, über Frankreich: Auch dieses Land rekrutierte Veteranen des Manhattan Project (seinen ersten Bombentest führte es in seiner Kolonie Algerien durch, später soll es Gast in China gewesen sein, dort habe auch Pakistan seine ersten Bomben getestet). Dass Frankreich mit der eigenen Bombe nicht vorankam, bestätigt ein zweiter Autor, Stephen Younger, früher in Los Alamos und im Pentagon („The Bomb: A New History“, erscheint auch im Frühjahr).

Von Israel weiter nach Südafrika

Von Israel ging es weiter nach Südafrika, auch dort wurde die Bombe gebaut, aber später wieder zerstört. Andere liebäugelten damit – Argentinien, Brasilien, Schweden, die Schweiz –, sie bekamen sie nicht, Young schreibt das der US-Diplomatie zu.

Steht die auch hinter den beiden Büchern, sind das lancierte Räuberpistolen? Man muss das Frühjahr abwarten – und kann sich inzwischen freuen, dass sich noch nicht alle mit der Bombe abgefunden haben: Der Milliardär Richard Branson („Virgin“) hat eine Abrüstungsinitiative gestartet – „Global Zero“ will in 25 Jahren eine atomwaffenfreie Welt –, zu Wochenbeginn war ein Treffen in Paris, viele kamen, unter ihnen Carter, Gorbatschow, Desmond Tutu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2008)

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