Fährt schon: Auto 2.0

(c) Mindeset
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Autos der Zukunft werden nicht nur einen anderen
Antrieb, sondern auch ein anderes Gesicht bekommen.
Das ist die Stunde der Visionäre – wie die von
Murat Günak mit seinem Mindset.

Na fabelhaft: Die Motoren unserer Autos verfeuern einen Kraftstoff, den wir nicht mehr lange haben werden, und versauen dabei die Luft, die wir atmen. Weil uns für unser haltloses Mobilitätsgewusel in über hundert Jahren aber nicht viel Schlaueres eingefallen ist, gilt dieser Zustand als so normal, dass im Grunde kaum jemand ein Wort darüber verliert.

Bis vor ein paar Jahren jedenfalls. Mittlerweile muss man keinem Weltrettungsverein angehören, um sich ernsthaft zu fragen, ob das Abfackeln aller fossilen Brennstoffe, die teils schon bedenklich tief aus der Erde herausgepumpt werden, wirklich eine so tolle – um nicht zu sagen: nachhaltige Sache ist. Immerhin weiß man seit über hundert Jahren, dass man Autos auch anders antreiben kann – mit Elektromotoren etwa. Als das Auto erfunden wurde, war keineswegs klar, wie es seiner glänzenden Laufbahn entgegenfahren würde: knatternd und stinkend oder surrend und (zumindest lokal) emissionsfrei. Es machte dann der Verbrennungsmotor das Rennen, weil sich aus Erdöl raffinierter Treibstoff einfach leichter auftreiben ließ als die schweren Akkumulatoren jener Tage.

Seinem Ende entgegen. Dann ist hundert Jahre relativ wenig passiert. Abgesehen davon, dass das Automobil eben die Welt erobert und verändert hat, wie keine andere Maschine zuvor. Nicht überall zum landschaftsbildlichen Vorteil, und ums liebe Erdöl wird nicht der letzte Krieg gefochten sein. Am freundlichsten lässt sich noch anmerken, dass Autos zuweilen ziemlich viel Spaß machen können und dass in ästhetischer Hinsicht durchaus Beachtliches entstanden ist (auch wenn die hässlichen Kisten immer in der Überzahl waren). Doch das Auto, wie wir es seit unseren Kindheitstagen kennen, fährt seinem Ende entgegen, das scheint beschlossene Sache.

Während kein Mensch seriös vorhersagen kann, womit wir in fünfzig Jahren unterwegs sein werden, lässt sich für die kommenden zwanzig Jahre sehr wohl eine Entwicklung skizzieren: Zehn Jahre von heute an bleibt der klassische Verbrennungsmotor das Rückgrat des Verkehrsgeschehens, dann sickert der E-Antrieb mit (bis dahin) ausgereifter Batterietechnik in die Massenmärkte, sodass er in zwei Jahrzehnten die Nase vorn haben wird.
Die Autoindustrie startet indes nur zögerlich und unter Schmerzen in die Umorientierung. Sie hätte am liebsten ewig weiter Autos gebaut, die immer schwerer, stärker und komplizierter werden.

Entsprechend tapsig sind ihre ersten Schritte: Die neuen Antriebsarten werden, mangels Alternativen, in alte Autos eingebaut. So rüstet BMW für einen Flottenversuch 500 Mini mit Elektroantrieb aus. Unter der Last der schweren Akkus wiegt der E-Mini eineinhalb Tonnen, monströs viel für einen Kleinwagen und kaum ein Rezept für die Zukunft. Schließlich wird auch Strom nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. 

Da ist Murat Günak mit seinem Mindset-Projekt schon einen guten Schritt weiter. Der ehemalige Designchef des Volkswagen-Konzerns – also kein spinnerter Erfinder – hat sich vor zwei Jahren von der Industrie abgekoppelt und in der Schweiz mit einem kleinen Team und einem weißen Blatt Papier völlig neu begonnen. Einzige Grundlage: Das Auto würde von einem Elektromotor angetrieben sein.

Keine Extremvisionen. „Zu einem Zukunftsautomobil gehört aber nicht nur eine nachhaltige Antriebstechnologie, sondern auch ein sinnvolles Designkonzept“, so Günak. Doch futuristische Extremvisionen kamen dem Designer, der immer noch als einer der großen Stars der Branche gilt, nicht in den Sinn. Die sähen zwar spektakulär aus, hätten mit der Lebensrealität der meisten Menschen aber wenig zu tun. Inspiration fand er bei den Sportwagen der 60er- und 70er-Jahre: „Ich bewundere deren emotionale Kraft, kurz: deren Stil. Doch vor allem waren diese Autos effizient und so konzipiert, um ein Maximum an Leistung mit einem Minimum an Ressourcen zu erreichen.“ So galt es, die „Effizienz eines Rennwagens mit einem zeitgemäßen Komfort- und Raumgefühl zu vereinen“.

Erstes Ergebnis ist der Mindset, ein Auto mit langer Haube, Panoramaverglasung, fließendem Heck –
und auffallend großen Rädern. Günak: „Tief liegende Sportwagen sind nicht sehr praktisch – weder zum Ein- und Aussteigen noch für die Übersicht.“ Deshalb rollt der Golf-lange Mindset auf riesigen 22-Zoll-Rädern, wie man sie von Rennwagen der 1930er-Jahre kennt. Sie ermöglichen eine hohe Sitzposition und lassen genug Bodenfreiheit, um die schweren Akkus tief am Fahrzeug anzubringen. Der Mindset sollte keinesfalls ein Büßerauto sein – er muss beim Fahren Spaß machen und emotional ansprechen, sagt Günak. Alle Freiheiten hatte das Team bei der Gestaltung der Front, denn Elektroautos brauchen keine Kühler mehr. Man entschied sich für einen freundlichen Scheinwerferblick, der an den VW Käfer erinnert.

Ungewöhnlich leicht. Vor allem ist der Mindset, der sich allen gängigen Crashtests stellen müssen wird, ein ungewöhnlich leichtes Auto. Deutlich unter 800 Kilogramm wiegt der Prototyp, der dieser Tage auf den Straßen für Versuchsfahrten unterwegs ist. Für dieses Gewicht reichen die 95 PS des E-Motors bequem aus, sie schnalzen das Auto gar in sechs Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Lithium-Ionen-Akkus reichen für 100 km flottes Fahren, mehr Reichweite erlaubt das „Freedom Pack“, wie es
Günak nennt: ein ultrakleiner Benzinmotor, der unterwegs bei Bedarf die Akkus lädt. Mit einem Handgriff ist der Zusatzmotor ausgebaut und lässt sich in der Garage verstauen, wenn nur kurze Fahrten in der Stadt anstehen. Zuhause hängt das Auto am billigen Nachtstrom. Ende 2009 soll man den Mindset zu Preisen um die 30.000 Euro kaufen können. Dann wird man sehen, wie viele Autofahrer schon bereit für die Zukunft sind.

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