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Handel mit Emissionen: Das Ende der großen Idee?

(c) AP (Martin Meissner)
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Durch zu viele Gratiszertifikate droht der Markt für Verschmutzungsrechte eine Totgeburt zu werden.

Wien (gau). Man kann ihn nicht sehen, aber man könnte seine Folgen bald spüren – der ominöse Emissionshandel hat viel gemein mit dem Kohlendioxid, dessen Menge er steuern soll. Das von Kraftwerken und Fabriken in die Atmosphäre geblasene Gas führt zur globalen Erwärmung. Um sie niedrig zu halten, haben sich Ökonomen ein schlaues System ausgedacht: Wer zum Klimawandel beiträgt, soll bezahlen – und zwar Verschmutzungsrechte, die der Staat vergibt oder versteigert und die dann an einer virtuellen Börse über Computer gehandelt werden.

Die geniale Idee dahinter: Der Staat legt mit der Anzahl seiner Zertifikate auch das Ziel fest – die Menge, auf die man die Emissionen reduzieren will. Dass dieses Ziel aber effizient erreicht wird, dafür sorgt die „unsichtbare Hand“ des Marktes – durch den Preis, der sich für die Zertifikate im freien Handel bildet. Die Unternehmen können sich ausrechnen, ob es günstiger ist, zusätzliche Rechte zu kaufen oder in eine umweltfreundliche Technologie zu investieren. Auf jeden Fall müssen sie Preise für CO2-intensive Waren erhöhen, und das ist durchaus Sinn der Sache – auch der Konsument soll sein Verhalten ändern.

Dieser Emissionshandel existiert bereits: 2005 begann die EU, Zertifikate zu verteilen, seit heuer wird auch gehandelt, wenn auch eher im Trockentraining. Denn Brüssel verschenkt die Zertifikate großzügig, entsprechend nieder blieb der Handelspreis. Aktuell liegt er an der Strombörse bei 15 Euro für eine Tonne CO2. Nun ging es um die dritte Phase ab 2013. Das Ziel hat die EU-Kommission im Jänner vorgegeben: 20 Prozent CO2-Reduktion bis 2020. Aus diesem Ziel ergibt sich die Menge an Zertifikaten, und es wurde gestern am EU-Gipfel beschlossen. Beim Tauziehen davor ging es um anderes: Die Frage, wie viele Zertifikate die Verschmutzer ersteigern müssen und wie viele sie weiter geschenkt bekommen. Ihre Lobbys haben sich durchgesetzt und zahlreiche Ausnahmen erkämpft.

 

Geschenke schaden der Moral

Dennoch haben die Gipfel-Stürmer vollmundig verkündet, das Ziel werde trotz aller Zugeständnisseerreicht. Ihr Argument stimmt – doch vermutlich nur in der grauen Theorie. Denn nach ihr dürfte es für das Klimaziel keine Rolle spielen, ob Zertifikate verschenkt oder auktioniert werden – entscheidend ist ja nur ihre Knappheit. Leider dürfte die Praxis anders aussehen. Denn statt kosteneffizient in die Zukunft zu investieren, stecken nun alle Industriesektoren ihre Kreativität in Lobbyarbeit und reden ihre Chancen auf eine CO2-ärmere Produktion klein. Damit bleibt der Preis zu niedrig, ebenso wie der Druck auf Innovation. Das Argument der Industrie ist freilich nicht schlecht: Im Gegensatz zu Stromerzeugern, die den Wert der Zertifikate längst als „Opportunitätskosten“ eingepreist haben, steht sie im globalen Wettbewerb und kann ihre Preise nicht beliebig erhöhen.

Das logische Fazit: Nur ein globaler Emissionsmarkt hat Chance auf Erfolg. Hier freilich beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn Obamas USA planen eine ähnliche Börse, beobachten aber erst genau, ob sich die europäischen Pioniere bewähren. Wenn der EU-Emissionsmarkt eine Totgeburt bleibt, wird auch weltweit eine große Idee zu Grabe getragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)