Ein Leitbild für Altkanzler

In diesen Tagen wird in Deutschland großräumig von „Spiegel“ bis „Bild“ der Geburtstag von Helmut Heinrich Waldemar Schmidt abgefeiert, der am Vorabend der Weihnacht 90 wird, und das hat er sich verdient.

Denn es muss nicht leicht gewesen sein, zwischen Brandt und Kohl den Kanzler zu geben. Brandt hat 1969 die Aussöhnung Ost begonnen, Kohl 1990 die deutsche Einheit vollstreckt, für Schmidt blieb in der unordentlichen Phase von 1974 bis 1982 eigentlich nur Krisenbewältigung über.

Die hat er aber ziemlich effizient gemeistert. Denn der Staat hatte damals im tiefsten Kalten Krieg, nach Vietnam, dem Ölschock und Watergate, einen denkbar schlechten Ruf, fast wie heute. Schmidt hat seine Klasse mit neuer Sachlichkeit teilrehabilitiert. Auch gewann er die Wahlen gegen die konservativen Widersacher Kohl und Strauss, um dann letztendlich am smarten Kalkül der FDP zu scheitern. Man brauchte offensichtlich keine an Kant, Hardenberg oder Weber geschulten Staatsdiener mehr, die Zeit war reif für die Union der Yuppies mit Schmiergeld-Grafen.

Aus Schmidt ist nach Schicksalsjahren in der Politik dann doch auch etwas Ordentliches geworden, als Herausgeber der „Zeit“ entwickelte er sich zu einer Leitfigur des Journalismus. So stellt man sich einen Elder Statesman vor, jemanden, der in ganz großen Zusammenhängen denkt.

Einmal vor vielen Jahren durfte ich ihn interviewen, als Sidekick zu Peter Michael Lingens. Schmidt empfing uns im Imperial, ein aufmerksamer Herr, keinesfalls der arrogante Macher, als den man ihn oft darstellt.

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich ihm überhaupt Fragen stellte, es war interessant genug, seinem Vortrag zuzuhören, ihn beim meditativen Rauchen von Zigaretten mit Pfefferminzgeschmack zu beobachten. Von Schmidt erfahren zu wollen, ob er nun Brandt oder Kohl für den bedeutenderen Kanzler gehalten habe, wäre auch indezent gewesen. Wesentlich war für mich, dass dieser Mann etwas ausstrahlte, das äußerst selten geworden ist. Er vermittelte das absolute Gefühl der Sicherheit. Dem Schmidt würde ich jederzeit meine Pensionsvorsorge anvertrauen. In Südostasien, schwärmte er, liege die Zukunft, Vietnam sei eine Hoffnung für die Welt. Das stimmte damals fast schon, und wenn es zwischendurch auch nicht so richtig zutraf, über kurz oder lang wird Schmidt doch wieder recht haben.

Ja, denke ich mir, für Altkanzler sollte es erstrebenswert sein, durch die Welt zu fahren, um zu belehren und zu ergötzen, als Beispiele vergangener Größe. Leider weiß man bisher nicht, was Gusenbauer oder Schüssel über die Zukunft von Indien denken. Auch wäre es noch verfrüht, sie zu fragen, ob sie Faymann oder Kreisky für den bedeutenderen Staatsmann halten – oder ob sie gar den Herausgeber der „Krone“ spielen wollten.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)

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