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Fez und Franz Joseph

Bis 1908 waren die Bosnier noch Untertanen des Sultans, ab da Untertanen des Kaisers in Wien. Die „österreichische Epoche“ Bosniens: wie sie begann – und wie sie endete.

Achterjahre“ spielen in der Geschichte Österreichs eine wichtige Rolle – denkt man nur ans Revolutionsjahr 1848, an Zerfall und Neubeginn 1918 oder an den „Anschluss“ 1938. Auch im Verhältnis Österreichs zu Bosnien-Herzegowina sind die Achterjahre wichtig: 1878, vor 130 Jahren, besetzte Österreich-Ungarn diese Provinzen unter einem Mandat des Berliner Kongresses. 1908, vor 100 Jahren, wurde Bosnien-Herzegowina von Österreich-Ungarn annektiert und damit auch staatsrechtlich Teil der Donaumonarchie – bis dahin waren beide Provinzen nominell noch Teil des Osmanischen Reiches. 1918 schließlich, vor 90 Jahren, endete mit dem Zerfall der Donaumonarchie auch die Zugehörigkeit Bosniens und der Herzegowina zu Österreich.

Das Gebiet war in Jugoslawien eher „vergessene Provinz“, tauchte einzig durch die Olympischen Winterspiele 1984 im Bewusstsein der Öffentlichkeit auf – bis es dann durch die blutigen „ethnischen Säuberungen“ der Jahre 1992 bis 1995 wieder in die Schlagzeilen geriet. Orte, von denen man bis dahin nichts gehört hatte, wurden plötzlich geläufig: Mostar, Tuzla, Srebrenica oder Goražde, um nur einige zu nennen.

Wenn man heute von „Bosniaken“ spricht, meint man meist die muslimischen Bosnier. In der k. u. k. Zeit hingegen bezeichnete dieser Begriff alle Bosnier, ungeachtet ihrer Religion. In der Donaumonarchie wurde die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe durch die Muttersprache bestimmt, wobei Serbisch, Kroatisch und Bosnisch als eine Sprache gewertet wurden.

Einzig die Religionen waren unterschiedlich – 1910 etwa waren 43,5 Prozent der Bosnier serbisch-orthodox, 32,3 Prozent Muslime und 22,9 Prozent römisch-katholisch; dazu kamen noch Juden, Griechisch-Katholiken und Evangelische.

Die Gesamtbevölkerung verdoppelte sich von 1878 bis zum Ersten Weltkrieg von rund einer auf circa zwei Millionen. Auch innerhalb der bosnisch-herzegowinischen Truppen, die ab 1882 im „Okkupationsgebiet“ aufgestellt wurden, waren die Anteile der drei großen Religionsgruppen ähnlich: Die k. u. k. Statistiken nennen 39,7 Prozent serbisch-orthodoxe, 31,4 Prozent muslimische und 25,4 Prozent römisch-katholische Soldaten. Ungeachtet der Religion trugen alle Soldaten den Fez als Kopfbedeckung und die charakteristischen weiten Hosen.

Bis 1908 waren die Bosnier – und damit auch die „k. u. k. Bosniaken“ – formell noch Untertanen des Sultans. Erst 1908 wurden beide Provinzen annektiert. Die Außenminister Österreich-Ungarns und Russlands, Alois Lexa Baron Aerenthal und Alexander Petrovitsch Isvolsky, wollten die Krise der Türkei (durch die Revolution der „Jungtürken“) nützen: Österreich-Ungarn annektierte Bosnien-Herzegowina und beendete gleichzeitig die militärische Präsenz im südlich anschließenden Sandžak Novipazar (der dann 1913 zwischen Serbien und Montenegro geteilt wurde).

Bulgarien – formell noch tributpflichtiges Fürstentum – wurde als Königreich unabhängig. Allerdings führte diese Aktion – keine Glanzleistung der österreichisch-ungarischen Diplomatie – bei den anderen europäischen Mächten zu schweren Verstimmungen und stellte einen wesentlichen Schritt zum Kriegsausbruch 1914 dar. Österreich-Ungarn und Russland hatten zwar zunächst ihr Vorgehen akkordiert, waren dadurch aber auf dem Balkan nur noch stärker in Konkurrenz getreten.

1910 besuchte Kaiser Franz Joseph selbst die beiden Provinzen. Vier Jahre später wurden der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Frau in Sarajewo ermordet – ein Attentat, das letztlich zum Zerfall der Donaumonarchie führen sollte. In Sarajewo und anderen Orten kam es 1914 zu Ausschreitungen und „Racheakten“ gegen serbische Bosnier, denen viele die Schuld am Attentat gaben. Auch innerhalb der bosnisch-herzegowinischen Truppenkörper wurden orthodoxe Soldaten vielfach diskriminiert, teilweise sogar entwaffnet und in besondere Arbeiterformationen eingereiht. Dies traf die – in der Regel loyalen – Soldaten besonders; erst langsam entkrampfte sich die Lage.

Im Laufe des Krieges erwarben sich die Bosniaken aller Volksgruppen und Religionen den Ruf, besonders verlässliche Soldaten zu sein – sie kämpften (und fielen) an der Ostfront und am Isonzo ebenso wie in Serbien und in Albanien. Serbisch-orthodoxe, muslimische und kroatisch-katholische Bosniaken wurden gleichermaßen hoch dekoriert. Zwei Offiziere der Bosniaken (Hauptmann Gojkomir Glogovac – ein kroatischer Bosnier – und der aus Ungarn stammende Leutnant Árpád Bertalan) wurden mit dem Militär-Maria-Theresien-Orden, der höchsten militärischen Auszeichnung, die Österreich-Ungarn zu vergeben hatte, ausgezeichnet. Oberst Stevo (Stephan) Duić (der aus Kroatien stammte) wurde durch die Eroberung des Monte Meletta 1916 zur Legende und befehligte 1918 das k. u. k. „Orientkorps“, das für einen Einsatz in Palästina aufgestellt worden war, dann aber in Italien und in Albanien zum Einsatz kam. Und das bosnisch-herzegowinische Infanterieregiment Nr. 2 (das lange in Graz respektive in Lebring stationiert war) gilt als höchst dekorierter Truppenkörper der k. u. k. Armee überhaupt. Auch der Schriftsteller und Radiopionier Rudolf Henz sowie der spätere Bundespräsident Adolf Schärf dienten bei den Bosniaken.

1918 endete mit dem Zerfall der Donaumonarchie auch die „österreichische Epoche“ Bosniens. Für viele Österreicher, die vor einem Jahrhundert in dieses für sie damals „wilde“ und „orientalische“ Land kamen, behielt Bosnien-Herzegowina trotz der Modernisierung und des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs seit 1878 ein „exotisches“ Flair: Die dort stationierten Offiziere und Beamten beschrieben in ihren Memoiren das „geheimnisvolle Morgenland“ mit seinen Moscheen und Minaretten und würdigten die Bewohner dieses Landes stets mit Zuneigung. Einer der schönsten Sätze findet sich in den Erinnerungen von Ferdinand Fauland: „Vierzig Jahre hindurch gehörten Bosnien und die Herzegowina dem alten Österreich zu, und jenes Österreich hat die ganze Zeit das Märchen des Orients treu gehütet, obwohl es seine Seele auch dem europäischen Wesen erschloss.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)