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Flüchtlinge in der Langzeitfalle

Vergessene Vertriebene: An über 30 Orten der Welt leben Millionen Flüchtlinge seit Jahren ohne Aussicht auf Rückkehr oder Integration.

Flüchtlinge sind ein Zeichen turbulenter Zeiten. Wann immer ein neuer Konflikt ausbricht, sind die Medien auf der ganzen Welt voll mit Bildern von Menschenmassen auf der Flucht: Männer, Frauen und Kinder fliehen aus ihrem Land mit nichts als ihren Kleidern und den wenigen Habseligkeiten, die sie gerade noch tragen können. Die Überlebenden sind von der Bereitschaft der Nachbarstaaten abhängig, die Grenzen offen zu halten, und von der Fähigkeit humanitärer Organisationen, die Grundbedürfnisse der Neuankömmlinge wie Essen und ein (Zelt-)Dach über dem Kopf zu stillen. Aber was dann? Was passiert, wenn der Exodus vorbei ist und sich die Welt der nächsten Krise zugewandt hat? In den meisten Fällen bleiben die Flüchtlinge zurück. Sie müssen so die besten Jahre ihres Lebens in schäbigen Camps unter allerlei Gefahren und ernsten Einschränkungen ihrer Rechte und Freiheiten verleben.

Die Problematik der Langzeitflüchtlinge hat enorme Ausmaße angenommen. Nach den jüngsten Statistiken des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR haben rund sechs Millionen Menschen (noch ohne den Sonderfall der über vier Millionen palästinensischen Flüchtlinge) bereits fünf oder mehr Jahre im Exil verbracht. Weltweit gibt es über 30 Orte mit Flüchtlingen in dieser Lage. Die Regierungen dieser Länder, zumeist in Afrika oder Asien, haben schon allein damit genug Probleme, die Grundbedürfnisse der eigenen Bevölkerung zu decken.


Die Welt verliert das Interesse

Viele dieser Flüchtlinge, ob in Camps oder Ortschaften untergekommen, sitzen im wahrsten Sinn des Wortes in der Falle. Sie können nicht nach Hause, weil sich ihre Herkunftsländer im Krieg befinden oder von schweren Menschenrechtsverbrechen erschüttert sind, z. B. Afghanistan, Irak, Myanmar, Somalia oder der Sudan. Nur ein kleiner Teil hat die Chance auf Neuansiedlung in Australien, Kanada, den USA oder einem anderen reichen Land. Meistens werden die Zufluchtsländer weder Integration mit der Lokalbevölkerung erlauben noch die Flüchtlinge als neue Staatsbürger aufnehmen.

In den langen Jahren des Exils führen diese Langzeitflüchtlinge ein sehr hartes Leben voller Entbehrungen. In einigen Fällen haben sie keine Bewegungsfreiheit, sie haben weder Zugang zu Land noch zum Arbeitsmarkt. Mit der Zeit verliert die internationale Gemeinschaft das Interesse an ihnen: Die Finanzbeiträge fließen nicht mehr, grundlegende Unterstützungen wie Schulbildung oder Gesundheitsversorgung stagnieren und verschlechtern sich schließlich.

Flüchtlinge in einer derartigen Lage, die, in der Enge überfüllter Siedlungen und abgeschnitten von einem eigenen Einkommen, nur wenig mit ihrer Zeit anfangen können, werden von allerlei sozialen Verwerfungen wie Prostitution, Vergewaltigung und Gewalt bedrängt. Da verwundert es nicht, dass viele unter allerlei Risken in urbane Gebiete ausweichen oder den Versuch auf sich nehmen, in ein anderes Land weiterzuwandern. Dafür begeben sie sich in die gefährlichen Hände von Schleppern und Menschenhändlern.

Flüchtlingsmädchen und -buben leiden unter diesen Umständen enorm. Eine wachsende Zahl unter ihnen wurde in der Umgebung eines Flüchtlingslagers geboren und aufgezogen. Ihre Eltern sind nicht in der Lage zu arbeiten und oft auf die mageren Rationen von Hilfsorganisationen angewiesen. Und selbst wenn in den Herkunftsländern wieder Friede einkehrt, werden diese Jugendlichen in eine „Heimat“ gehen, die sie nie gesehen haben und deren lokale Sprache sie möglicherweise nicht beherrschen.

Es ist unerträglich, dass hier menschliches Potenzial so millionenfach vergeudet wird. Und ich halte es für dringend nötig, dass Schritte zur Lösung dieses Schicksals unternommen werden: Zunächst sind gemeinsame Anstrengungen nötig, um bewaffnete Konflikte und Menschenrechtsverletzungen zu stoppen, die Menschen zur Flucht aus ihren Ländern und zum Leben als Flüchtlinge zwingen. Dabei haben die Vereinten Nationen eine besonders wichtige Rolle zu spielen, sei es als Vermittler, Verhandlungspartner, durch friedenserhaltende Einsätze oder die Bestrafung jener, die für schuldig an Kriegsverbrechen befunden wurden.

Zudem muss jede mögliche Kraftanstrengung unternommen werden, um die Lebensbedingungen der Langzeitflüchtlinge zu verbessern, selbst wenn die Budgetmittel angesichts der Finanzkrise knapp sein mögen. Ein besonderer Schwerpunkt sollte darauf liegen, dass Lebensunterhalt sowie Schul- und Ausbildung gesichert sind. Mit diesen Ressourcen ausgestattet, wird es Flüchtlingen möglich sein, ein produktiveres und erfüllteres Leben zu führen und sich auf ihre Zukunft vorzubereiten, wo immer diese sein mag.

Schließlich sollten die reicheren Nationen ihre Solidarität mit jenen Zufluchtsländern, die viele Flüchtlinge aufgenommen haben, beweisen, indem sie einen Teil davon bei sich neu ansiedeln. Es ist zwar klar, dass wir die Lage der Langzeitflüchtlinge nicht durch deren Übersiedlung in die entwickelteren Weltregionen lösen werden. Aber besonders für jene Betroffenen, deren Sicherheit und Wohlergehen am meisten gefährdet sind, sollte es mehr Neuansiedlungsplätze geben.


Aufnahme und Rückkehr unterstützen

Flüchtlingsnot ist eine Aufgabe für die internationale Gemeinschaft und lässt sich nur durch gemeinsames Handeln wirksam angehen. Wir müssen sicherstellen, dass die Unterstützung für Flüchtlinge auch der Bevölkerung am Zufluchtsort spürbaren Nutzen bringt, und die internationale Gemeinschaft ermutigen, jene Länder zu unterstützen, die zur Aufnahme und Einbürgerung von Flüchtlingen bereit sind. Und wir müssen wirksamere Ansätze für die Rückkehr und Wiedereingliederung von Flüchtlingen in ihrer Heimat erreichen. Dabei sollten die Rückkehrer die Chance bekommen, vom Friedensprozess zu profitieren und dazu beizutragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)