Neuversuch mit Richard Strauss' gern vernachlässigtem „Intermezzo“.
Pauline Strauss war eine der prägnantesten Künstlerehefrauen der Geschichte. Schon Hofmannsthal kam auf den Gedanken, sie für eine Bühnenfigur Modell stehen zu lassen: „Eine bizarre Frau mit einer sehr guten Seele im Grund, unbegreiflich, launisch, herrisch und dabei doch sympathisch“, so formulierte es der Dichter. Richard Strauss ließ der Gedanke nicht mehr los. Nur notdürftig getarnt, wurde ein Ehekrach im Hause Strauss zum Opernsujet. Aus Richard wurde der Kapellmeister Robert Storch, aus Pauline dessen Frau Christine – und diese wiederum zu einer der umfangreichsten Sopranrollen der Operngeschichte. Hofmannsthal und Hermann Bahr winkten ab: Dieses Sujet, dessen Intrige auf einer allzu harmlosen Verwechslung basiert, schien den Poeten zu hausbacken. Strauss dichtete selbst.
Mag sein, er hat dabei verabsäumt, die Spannung zwischen Frau Christine und dem windigen Baron Lummer, einem Taugenichts, der die Verliebtheit der einsamen Kapellmeistersgattin nutzt, sie um viel Geld anzupumpen, zu wenig herausgearbeitet. Doch war der Komponist Theaterpraktiker genug, das Miniaturdrama musikalisch raffiniert zum echten Kunstwerk zu verdichten. Da der Konversationston des „Ariadne“-Vorspiels mit herrlich aufrauschenden symphonischen Zwischenspielen angereichert ist, bleibt auch Zeit zum Schwelgen. In den raschen Rezitativen deutet das Orchester hingegen jeden Temperamentsausbruch der Hauptdarstellerin minuziös aus – ein Drahtseilakt, an den man sich in Wien vier Jahrzehnte lang nicht mehr gewagt hat.
Die Neuinszenierung im Theater an der Wien lebt vorrangig von der fulminanten Aufbereitung der Partitur durch den Dirigenten Kirill Petrenko und das eloquent musizierende RSO Wien: Jedes Detail scheint liebevoll poliert, auch die breiter ausschwingenden Passagen, in denen sich zuletzt schon der ekstatische Schwung der wenig später komponierten „Ägyptischen Helena“ ankündigt. Ein gut besetztes Ensemble, angeführt von der alle Anfechtungen durch die Hausherrin stoisch ertragenden Dienstmagd Anna, Gabriele Bone, umschwirrt die omnipräsente Christine. Sie sollte von Solie Isokoski gestaltet werden, die jedoch während der Proben das Handtuch warf.
Carola Glaser steht die Monsterrolle tapfer durch, stimmlich zwar kaum differenziert, doch untadelig sauber artikulierend vom ersten Wutausbruch bis zum versöhnlichen Finale. Ein Happy End, an das Regisseur Christof Loy, ebenfalls früher abgereist, nicht glauben mochte. Er nimmt dem ausdrücklich als „bürgerliche Komödie“ bezeichneten Spiel jegliche Naivität, indem er die Nebenhandlungen mild, aber doch ins Absurde dreht.
Die Herren, zwischen denen die kratzbürstige Heldin sich bewegt, sind der gute Tenor Oliver Ringelhahn, der für einen echten Strizzi freilich ein bisschen zu weichlich wirkt, und Bo Skovhus, der seine großen Auftritte als Richard-Strauss-Imitat mit prächtiger Stimme und umwerfender Bühnenpräsenz gestaltet: Der Komponist ist ja doch die Hauptperson – und schon stimmt das Finale wieder...
INTERMEZZO: die Daten
■Die Inszenierung nach einem Konzept von Christof Loy steht im Theater an der Wien noch am 13., 16., 18. und 20. Dezember auf dem Programm.
■Unter Kirill Petrenko singen Carola Glaser, Oliver Ringelhahn und Bo Skovhus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)