Krisenlatein für Phrasendrescher

(c) APA (Alois Litzlbauer)
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Sie wollen bei den unvermeidlichen Diskussionen über die Finanzkrise mitreden? Dann sollten Sie wissen, wie das „Negativwachstum“ die „Realwirtschaft“ schädigt und uns „Chancenmanager“ helfen können.

Irgendwie war es ja zu erwarten: Der „Lebensmensch“ ist Mitte der Woche von einer österreichischen Fachjury zum Wort des Jahres gekürt worden, wie uns die Austria Presse Agentur wissen ließ. In Zeiten der wütenden Finanzkrise liegt es auf der Hand, dass das „Unwort des Jahres 2008“ aus der Welt der Wirtschaft zu kommen hat. Das Rennen machte letztlich die „Gewinnwarnung“. Sie wissen nicht, was genau das sein soll? Keine Sorge, wir helfen gerne weiter. Anbei die beliebtesten Wortkreationen, Fachausdrücke und Schlagwörter, mit denen eine nahezu stündlich wachsende Zahl von Phrasendreschern versucht, bei Tischgesprächen zur „Causa prima“ zu glänzen.

Amerikanisches Finanzkapital,das. „Amerika“, „Finanzbranche“ und ?„Kapitalismus“ – drei hübsche Schimpfwörter auf einmal. Wer in einem Satz erklären will, warum viele Anleger ihre Ersparnisse verlieren mussten, verweist einfach auf die verheerenden Folgen des „amerikanischen Finanzkapitalismus“. Betrieben wird dieser ja angeblich von einer kleinen „Clique“, die an einer bestimmten Küstenseite der USA residiert und die Welt ins Unglück stürzt, um daran ordentlich zu verdienen. Herzlich willkommen in den 30er-Jahren – bereits 1929 soll ja der „amerikanische Finanzkapitalismus“ die Welt in das Verderben geführt haben.

Wer dauerhaft an Massenarbeitslosigkeit, sozialem Unfrieden und schrumpfenden Märkten interessiert sein soll, konnte zwar noch niemand schlüssig erklären. Das Bedienen peinlicher antisemitischer Ressentiments reicht aber offenbar noch heute völlig aus, um den oder die Schuldigen auszumachen.


Chancenmanager, der/die.
Vertreter der Bundesregierung bezeichnen sich dieser Tage gerne als „Chancenmanager“. Das klingt auch deutlich optimistischer als „Krisenmanager“. Aus Sicht der soeben vereidigten Chancenmanager stehen wir also nicht nur vor harten Zeiten – sondern auch vor überaus spannenden Monaten, die uns ungeahnte Möglichkeiten bieten werden. Freundlicherweise haben sich Vertreter der beiden Großparteien auch bereit erklärt, diese „Chancen“ für uns zu koordinieren.
Gewinnwarnung,die;
In diesem Fall wird nicht vor überschießenden Gewinnen „gewarnt“, sondern vor dem genauen Gegenteil. Wir dürfen uns schon auf die „Verlustentwarnung“ freuen – wenn dann die Gewinne wieder höher ausfallen als befürchtet.

Kapitalismus,der;
Negativ besetzter Begriff im wohlstandsverwöhnten und befriedeten Europa. Wer in einer kleinen, die Ursachen der Finanzkrise sezierenden Diskussionsrunde angenehm auffallen will, schimpft einfach einmal pauschal auf den Kapitalismus. Wer darüber hinaus auch noch als tiefgründig und fachkundig bewundert werden will, „outet“ sich am besten als glühender Fan von Erwin Wagenhofer.

Das ist jener österreichische Nachrichtentechniker, der den Menschen zeigt, was sie gerne sehen wollen. In seinem jüngsten Werk „Let's make Money“ bittet Herr Wagenhofer ein paar illustre Gesellen aus der bösen Welt der Wirtschaft vor die Kamera, um die Auswüchse des Kapitalismus deppensicher zu erklären (der Täter am Tatort als Kronzeuge der Anklage). Der Kapitalismus besteht demnach ausschließlich aus Ausbeutung, Abzocke und dunklen Mächten, die Böses wollen.

In längst vergangenen Zeiten (zum Beispiel im Nachkriegseuropa) stand der Kapitalismus nicht nur für jene Wirtschaftsordnung, die auf Privatvermögen und fairem Wettbewerb beruhte, sondern auch für die einzige Hoffnung der vielen mittellosen Menschen, der grassierenden Armut zu entrinnen. Der Kapitalismus hat auch Milliarden von Menschen aus der Armut geführt (und das tut er heute noch), in den reichen Regionen des Westens wird er dennoch für alles Leid dieser Welt verantwortlich gemacht.

Ökosoziale Marktwirtschaft, die.
Die österreichische Antwort auf den kalten ?Kapitalismus. Geboren wurde dieIdee im Umfeld der heimischen Landwirtschaftskammern, die in den vergangenen Jahrzehnten den einst so stolzen Bauernstand in die Abhängigkeit einer gnadenlosen Förderbürokratie getrieben haben.Ein österreichischer Landwirtarbeitet heute zwar „ökologisch“ und wird „sozial“ entlohnt, bekommt aber mittlerweile zwischen 60 und 90 Prozent seines Einkommens von EU-Kommission und Bundesregierung. Womit der Begriff ökosoziale „Marktwirtschaft“ ein Widerspruch in sich ist – vielmehr ist hier von einer Verstaatlichung der Einkommen der vormals freien Bauern die Rede. Ob dieses Modell die Alternative sein kann? Nun ja.
Negativwachstum,das.
Die wohl kreativste Wortschöpfung, die aus der Finanzkrise hervor gegangen ist. Klingt auch gar nicht so übel – immerhin wächst in diesen düsteren Zeiten ja noch etwas. Dummerweise wird damit jene Entwicklung der Wirtschaftsleistung schön geredet, die früher mit dem Begriff „Schrumpfung“, „Rückgang“ oder schlicht ?Rezession umschrieben wurde. Weil nette Politiker, sorgenvolle Banker und verantwortungsbewusste Medien die ohnehin schon verschreckten Menschen nicht weiter verunsichern wollen, greifen sie zu dem weniger drastisch klingenden Begriff des „negativen Wachstums“.

Sollte Ihnen demnächst ein unschönes Gespräch mit der Hausbank bevorstehen, verweisen Sie einfach auf die überraschend kräftig gewachsenen „Negativeinnahmen“, die leider einen „inversen Kontoüberschuss“ ausgelöst haben, der aber bei nächster Gelegenheit wieder abgebaut wird.

Realwirtschaft,die.
Ein Begriff, zu dem dieser Tage bevorzugt Wirtschaftsforscher und Gewerkschafter greifen, die gerne etwas differenzieren. Beispielsweise zwischen der „guten“ und der „schlechten“ Wirtschaft. Menschen, die bei Verrichtung ihrer beruflichen Tätigkeit noch schwitzen und wahre Werte schaffen, verdienen ihr Geld auf der richtigen Seite. „Real“ sind von Hand hergestellte Dinge, die man anschauen und auch angreifen kann – wie etwa ein Fensterbankerl, ein ganzes Haus oder ein Automobil.

Ob alle anderen Berufstätigen in der bösen „Fiktivwirtschaft“ tätig sind, kann niemand so genau sagen. Fest steht, dass die Handlanger des ?amerikanischen Finanzkapitals die weniger Guten sind. Sie hantieren auf Teufel komm raus mit Luftgeschäften, um brave Menschen aus der Realwirtschaft um deren mühsam erwirtschaftetes Geld zu erleichtern.

Rezession,die;
Ein völlig veralteter Begriff aus dem vorigen Jahrhundert. Ursprünglich ein Synonym für das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung. Ein furchtbar deprimierendes Wort, das moderne Menschen heute mit ?„Negativwachstum“ umschreiben.
Schutzschirm, der. Wenn Politiker einen „Schutzschirm“ über Banken und Industriezweige spannen wollen, keimt bei verunsicherten Mitarbeitern und Investoren Hoffnung auf. In Wahrheit versprechen vor der Pleite stehende Staaten, ebenfalls vor der Pleite stehende Betriebe vor dem Bankrott zu retten – mit ungedeckten Schecks.

Staaten, die selbst in Zeiten der Hochkonjunktur ihre Budgets nicht im Griff hatten, häufen nun neue Schulden an, um mit steigenden Ausgaben die Weltwirtschaft zu retten. Das hat zwar in der Vergangenheit noch nie funktioniert, wovon sich aber offenbar niemand beeindrucken lässt. Jetzt geht es schließlich darum, zu handeln.

Weshalb der „Schutzschirm“ auch unser Favorit für das Wort des Jahres 2009 ist.


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)

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