Prag: Eine Rückkehr in die City of Knödels

(c) Wolgang Greber
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1990 war ich erstmals in Prag. Jüngst fuhr ich wieder hin. Jetzt gibt's da den Billa. Und Knödel noch immer.

Es war die Zeit, als man nach zehn Bieren am Abend am Mittag darauf wieder froh durch die Straßen schlendern konnte, als ich mit einem Studienfreund nach Prag fuhr. Am Bahnhof rissen wir über einen Vermittler eine Privatwohnung auf, sie war unbewohnt, und als wir betrunken zurückkamen, stand eine Flasche Stolichnaya in der Küche, dazu die Notiz: „Danke für Bananen. Prosit!“ Wir hatten, bevor wir in die Stadt gingen, den unbekannten Vermietern Bananen hingelegt, damals hieß es, so was würde denen im Osten gewaltig taugen.

Das war im Juni 1990. Ein halbes Jahr zuvor hatte man die Kommunisten gestürzt, und weil Prag von Innsbruck aus so exotisch schien und es hieß, es sei saubillig, fuhren wir mit einem Opel Corsa los, bei den Tschechen war man damit der King of the Road, und an besagtem Bahnhof bestachen wir einen Wächter mit drei Tafeln Milka, damit der Corsa neben der Wachhütte stehen durfte. Die Bude war in der Na ?vihance-Straße beim TV-Turm und kostete einen Bettel. Richtung Zentrum war ein Park mit Ausflugslokal, da gab's Schweinsbraten mit Knödel und Kraut (Vep?o-knedlo-zélo) um sieben Schilling (gut 50 Cent), es gab in ganz Prag eigentlich nur Schweinsbraten und Rindsbraten. Mit Knödel und Kraut. Wir aßen das tagelang. Mit Bier, sie wollten drei Schilling dafür.

Prag war grau und ziegelrot und abgewetzt, aber nett, und zu kaufen gab's Lenin-Büsten. Karlsbrücke und Hradschin imponierten uns, vor allem aber jene winzige Bar in der Altstadt, die wie provisorisch wirkte, und in der wir ein paar DDRler ins Nahkoma tranken. Einer kriegte die Panik, wir seien von der Stasi, weil wir so neugierig waren. Mit zwei Lenin-Büsten im Gepäck fuhren wir nach Innsbruck zurück.

McWesten ist bald überall

Jüngst war ich wieder in Prag. Ich wohnte am Hradschin im Hotel Questenberk, früher ein Klosterspital, es hat viele Sterne und kostet so ab 100 Euro fürs Doppelzimmer. Ist's wert, genauso wie das Chopin oder das neue Aquapalace. Prag wirkte weniger grau, doch ziegelrot, und auf Westkurs getrimmt: Burger King. Kentucky Fried Chicken. H&M. Boss. Der übliche McWesten aus den traurigen Airline-Magazinen halt. Und an jeder Ecke ein Billa. Die Kneipe von einst fand ich nimmer; ich kann aber eine andere empfehlen, sie ist klein und auch in der Altstadt, in der Jalovcová glaub ich, sorry, das Bier kostete 35 Kronen (19 Schilling), ich hab mir an dem kalten Abend nichts gemerkt. Auf der Busfahrt nach Prag hatte es geheißen, uns würde böhmische Küche erwarten: Schweinsbraten, Rindsbraten, Knödel. Aber nicht mehr um sieben Schilling. Dafür thront weiter der Hradschin über der Stadt, am Altstädter Ring trinkt man unter Wärmepilzen heiße Schokolade und in historischen Straßenbahnen Glühwein.

Im Jänner ist Tschechien auf der Ferien-Messe Wien vertreten (www.ferien-messe.at). Fragen Sie nach meiner Bar in der Altstadt, und wo man weniger als 35 Kronen für die Halbe zahlt. Das gibt's noch, im Unterschied zu Lenin-Büsten. Und zu meinem Studienfreund – da kam eine böse Frau dazwischen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)

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