Volkstheater: Frech flattert die Zerfledermaus

Marcello de Nardo und Susa Meyer
Marcello de Nardo und Susa Meyer(c) APA (Robert Jaeger)
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Deep Purple im Gemeindebau – mit seiner Strauß-Adaption kreiert das Volkstheater tollkühn ein neues Genre: Die Operette ohne Sänger.

So eine Fledermaus ist ein seltsames Tier. Dieser Nachtschwärmer im Frack zählt nicht zur Klasse der Vögel. Ihm fehlt das bunte Gefieder. Zudem kann er nicht singen, nur kreischen. Dafür flattert er so wild, dass es die einen lustig finden und die anderen die Flucht ergreifen.

In diesem Sinn: Willkommen im Volkstheater! Dort hat Hausherr Michael Schottenberg den schönen Operettenvogel von Johann Strauß einfach abgeschossen. Die Protagonisten sind allesamt keine Sänger. Zum Einsatz kommt, elektronisch verstärkt, das Ensemble des Hauses, das Gesang nur als Nebenfach hatte. Was soll's, mag sich der Direktor gedacht haben, in diesem Stück sind ja alle nudelfett, was auch Grölen verzeihlich macht.

Den Instrumentalpart steuert kein Orchester bei, sondern eine junge Jazz-Combo. Über die Partitur hat sich Patrick Lammer hergemacht. Der frühere musikalische Leiter eines Kreuzfahrtschiffes verwandelt Arien in Chansons, Walzer in Samba und die ganze Operettenseligkeit in swingende, groovende und rockige Salonmusik.

Das ist kühn. Denn auch die Operetten-„Fledermaus“ ist gattungsmäßig schwer zuzuordnen. Sie enthält bessere Musik als ein Dutzend durchschnittlicher Opern – und verdient deshalb Respekt. Auch Menschen, die der unselig seligen Operettenwelt abhold sind, lockt sie ins Theater. Sie genießen die Klänge, leiden unter dem lähmenden Spiel der Sänger und warten sehnsüchtig auf den Frosch. Auch in Wien, wo sie zwischen zwei unverdrossen repetierten Uraltproduktionen wählen können (siehe Kasten). Für sie hat das Volkstheater eine neue Alternative geschaffen – und zugleich ein neues Genre: die Operette als Musical-Schauspieler-Revue.

Freilich funktioniert die Transformation nur für sehr berühmte Werke, deren Melodien jeder auch bei unsauberer Wiedergabe wiedererkennt. Doch zugegeben: Das Ensemble schlägt sich wacker, umschifft gewitzt hohe Töne und zeigt in manchen Fällen echtes Talent – Katharina Strasser mimt nicht nur eine authentisch prollige Adele, man hört sie auch gerne singen.

Lustigstes Silvestergschnas seit Langem

Das Problem ist ein anderes: der erste Akt. Schottenberg verlegt die Handlung ins Wien der 1960er-Jahre. Soll sein, das passt zur Musikadaption. Aber warum müssen die wohlhabenden Eisensteins im Gemeindebau hausen? Damit die im breiten Wiener Dialekt servierten Zoten nicht allzu deplatziert wirken? Das Tür-auf-Tür-zu-Spiel kennt man zur Genüge, aber so outriert nur von der Familie Löwinger. Marcello de Nardo zeigt als weibstoller Gabriel wenig Profil und wirkt wie ein hyperaktiver Nicolas Sarkozy im Daueröl. Und Andy Hallwaxx als Rosalindes Liebhaber Alfred – er heißt hier mit Nachnamen Vogel, weil er ja so gern vögelt – fällt ständig die Perücke herunter. Wahrlich zum Wiehern.

Doch dann kommt der zweite Akt, die Orlofskys vom Penthouse auf der Fünferstiege schmeißen ein Silvestergschnas. Der Abend scheint gerettet. Der zum bulgarischen Handelsattaché mutierte Prinz ist verhindert und entkommt so der üblichen öden Hosenrolle. Statt ihm übernimmt Beatrice Frey das Kommando. Als eine mit viel Wodka gealterte Orlofskaya legt sie eine atemberaubend schräge Performance hin, die in einer Jamsession frei nach Deep Purple kulminiert. Da will die anfangs recht blasse Susa Meyer als Rosalinde nicht nachstehen und besteigt bei ihrem Csárdás erst Pianist Lammer im Combo-Graben, dann Volksoperndirektor Robert Meyer im Publikum. Auch das ist derb, aber hinreißend derb.

Nun schlägt die Stunde des Frosches im Kerker. In einer so textlastigen Adaption sollte Andreas Vitásek auf die üblichen Extempores noch einiges draufsetzen. Er schafft es, mit kultiviertem Schmäh und einer schönen Deutung. Sein Frosch ist kein versoffener Trottel, sondern ein echter Österreicher – leicht abgründig und doch liebenswert. Dann droht wieder der Absturz in die Klamotte, Rosalindes Mikro fällt aus, doch die ins Gefängnis eilenden Festgäste setzen dem bedenklichen Treiben ein fröhliches Ende. Fazit: Strauß liegt am Boden, schwer bedient wie ein Komasäufer, aber das Publikum hatte das lustigste Silvestergschnas seit Langem.

„FLEDERMAUS“ IN WIEN

Staatsoper. Eine Schenk-Inszenierung von 1979. Termine: 31.12., 1.1., 3.1., 6.1.

Volksoper. Eine Version von 1987, von Heinz Zednik nur leicht entstaubt. Termine: 18.12., 31.12., 1.1., 14.1.

Volkstheater. Nächste Termine: 15., 19., 23., 27., 28. + 31.12., 8.1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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