Nur mittendrin ist es kuschelig

Angesichts einer „bürgerlichen Komödie“ nimmt ein moderner Regisseur schon einmal Reißaus.

Extreme mögen wir nicht. Am Theater jedenfalls scheint das die Maxime zu sein. Zwar kann die Darstellungsform – auf den Sprechbühnen vor allem – gar nicht grausig genug sein. Aber das Darzustellende, das, um das es eigentlich gehen sollte, möge schön das Gleichgewicht halten zwischen allzu tiefgründig-philosophisch und allzu platt. In der Oper waren anlässlich jüngster Wiener Premieren Fallbeispiele wieder zu studieren.

„Intermezzo“ von Richard Strauss im Theater an der Wien, die „Götterdämmerung“ an der Staatsoper. Ja, bitte schön, was sollen denn die armen Regisseure machen? Ein Weltenende mit Feuersbrunst und Tsunami auf der einen Seite. Eine „bürgerliche Komödie“ mit vorabendserienverdächtig harmloser Eifersuchtsverwirrung auf der anderen. Der Regisseur der Letzteren hat sicherheitshalber schon während der Probenarbeiten das Weite gesucht.

Sven-Eric Bechtolf behilft sich im Fall des Götterendes mit einem etwas kitschbeladenen Videospiel. Es brennt und wellt, dass es eine Freude ist. War den Kommentatoren auch nicht recht: Vorbeigeschossen am bedeutenden Gehalt des mythologischen Ansinnens, hieß es allenthalben. Da lobt man sich doch schwindsüchtige Heldinnen vom Format einer Violetta und einer Mimi. Die sterben realitätsnah im Bett. Da muss man nichts unter- oder übertreiben. Das sitzt. Denn sie sterben ja immerhin. Aber ein Ehekrach, der mit einer Versöhnung endet? Das geht wohl zu weit. In einer Ära, in der die TV-Serien sich in Sachen Seichtigkeit zu übertrumpfen suchen, darf es dem Theater nicht an Bedeutung mangeln. Die letzten und vorletzten Dinge sollen uns bewegen. Aber halt nicht ganz so weitgehend wie bei Richard Wagner.

In der Mitte ist es am schönsten. Mittelmaß lässt sich ja mit den erwähnten vordergründigen Inszenierungsschweinereien prächtig camouflieren. Dass es mittlerweile kaum Sängerdarsteller gibt, die den musikalischen Anforderungen einer Wagner-Partitur gewachsen sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. Stellt man fest, dass eine „Götterdämmerungs“-Brünnhilde ihre vokale Sache für heutige Verhältnisse recht ordentlich macht, erntet man Schimpf und Schande – ohne dass diejenigen, die mit einigem Recht auf manche Fehlmenge zwischen Notentext und akustischer Realität hinweisen, die rechten Retter in der Not zu benennen wüssten. Wo ist die neue Birgit Nilsson, wo der neue Karl Ridderbusch, wo ein Tenor vom Format Siegfried Jerusalems? Opernfreunde sind mittlerweile nicht nur gewohnt, von der Bühne wegzuschauen, sondern auch im entscheidenden Moment wegzuhören! Wenn ein Orchester wahrhaft philharmonisch aufspielt, bleibt bei einer Wagner'sche Klangfülle noch allerhand Begeisterndes übrig. Immerhin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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