Akademietheater: „Lieber Muliar! Speisen Sie Fisch mit mir!“

Claus Peymann
Claus Peymann(c) AP (FRITZ REISS)
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Peymann & Beil lasen aus einem Buch über C. P. Weiter Fehde zwischen Mime und Ex-Burgchef.

„Bei aller Milde vor Weihnachten: Ich verlange eine öffentliche und schriftliche Entschuldigung, die ist bis dato nicht erfolgt.“, sagte Fritz Muliar am Sonntag der „Presse“. In „Peymann von A-Z“ von Hans-Dieter Schütt (Das Neue Berlin) beschimpft Peymann Muliar als „hunderprozentigen Volltrottel“. Peymann und sein langjähriger Weggefährte Hermann Beil lasen Freitag aus dem Buch. Beil hatte Muliar ins Akademietheater eingeladen. Dieser sagte ab, weil er am 12. 12. seinen 89. Geburtstag feierte.

Peymann ließ ihm ein Ständchen darbringen: Das Publikum sang „Happy Birthday, Fritz Muliar!“. Muliar findet das „nett und lustig“, es schaffe aber „die Sache nicht aus der Welt“. Muliar will verstanden werden: „Ich war in der NS-Zeit neun Monate in Einzelhaft, bin von Todeszelle zu Todeszelle geschleppt worden. Ich mag halt nicht so sehr die Deutschen“ und noch weniger, wenn Österreich beleidigt werde: „Ich will diesen Ärger nicht hinunterschlucken, denn was kränkt, macht krank – und Krankheit kann ich mir mit fast 90 nicht leisten.“

Peymann droht im Folder zur Lesung mit Gegenklagen – Muliar und er haben einander oft und heftig attackiert. Peymann lädt Muliar aber auch ein, mit ihm im Berliner Restaurant Fischers Fritze zu speisen.

Im Vorfeld der Lesung gab es den bei Peymann gewohnheitsmäßig stattfindenden Theater-Donner: „Die Peymann-Abrechnung“ titelte eine Zeitung, Peymann selbst versprach, dass „sicher einige Bomben hochgehen werden“. Davon war freilich keine Rede bei dieser Weihestunde für Peymann-Fans. Verwunderlich ist das nicht: C. P. ist ja nicht nur ein „Schauspieler-Würger“ und ein „Großmaul“ (Selbstbeschreibung), sondern auch ein nachdenklicher Künstler. Glücklich schaut er nicht aus. Er wirkt aber recht jugendlich mit seinen 71 Jahren. In der Inszenierung seiner Selbstdarstellung ist er noch immer perfekt. Natürlich setzt er sich nicht mit jemandem hin, der seine Aphorismen und Sottisen (das Buch ist teils erhellend, teils geschwätzig) hinterfragen könnte, sondern mit seinem alten Weggefährten Hermann Beil. Damit auch viele Bücher verkauft werden, wird ausschließlich aus dem fast 500-Seiten-Wälzer gelesen. Peymann und Beil erweisen sich dabei neuerlich als gute Schauspieler. Sie wirken nicht museal, sondern wie Originale.

C. P., BB und Thomas Bernhard

Über weite Strecken geht es um Theater-Kämpfe, die Burg, Peymanns Einordnung als 68er und Linker, die innige Beziehung mit Bernhard („Ich bin so etwas wie Thomas Bernhards Witwe“). Manches ist interessant, vieles aber auch amtsbekannt. Spannender sind die Einblicke, die der ewige große Junge C. P. – in Anlehnung an den berühmten BB (Brecht), dessen Berliner Ensemble Peymann leitet – in sein verspieltes, disparates Inneres gewährt. Da sind die entzückenden Briefe an die Schwester, die von der Angst erzählen im Studententheater hängen zu bleiben und später von der Freude, berühmt und ohne Geldsorgen zu sein. Das Theater ist auch Therapie, tödlich: die Phase zwischen zwei Stücken. Dagegen war ein Beinahe-Flugzeugabsturz nach einem Blitzschlag nicht so schlimm: Der Tod hat die Hand von C. P. zurückgezogen. Das war ein Erlebnis. Trotzdem hat er vorgesorgt, ein Grab auf dem Dorotheenstädter Friedhof gekauft, wo auch Brecht begraben ist.

Das Publikum lauschte andächtig und ließ hernach viele Bücher signieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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