Pop

Jazz: Mit Joseph Haydn durch die Nacht

FRANZ KOGLMANN
FRANZ KOGLMANN(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)
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Franz Koglmann erhielt den Ernst-Krenek-Preis der Stadt Wien für seine „Nocturnal Walks“.

In der Skepsis, sagt Emil Cioran, habe er seine Zuflucht gefunden. „Sie ist wie eine Arznei.“ Dieses Bekenntnis könnte auch von Franz Koglmann sein: Dieser Wiener Jazzmusiker, der sich stets – oft schmerzlich – bewusst war, dass es viel zu spät ist, um den Jazz als Musik des Aufbruchs zu zelebrieren, lässt in den „Nocturnal Walks“ – die er selbst eine „Gedankendämmerung“ nennt – den bitteren Aphoristiker Cioran reden, legt die Stimme des toten Dichters über die Musik.

Es ist, wie immer bei Koglmann, skeptische Musik: Sie drückt weniger Gefühle aus, als dass sie sich an sie erinnert, und diesmal, vor allem wenn Cioran spricht, eingeleitet und begleitet durch ein wiederholtes Quaken der Posaune – wie ein später Nachhall aus dem alten New Orleans –, malt sie auch die Müdigkeit.

Koglmann hat „Nocturnal Walks“ für die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2007 geschrieben: Sibiu/Hermannstadt, Geburtsstadt Ciorans, in der Musikgeschichte durch Joseph Haydns „Hermannstädter Symphonie“ bekannt. Koglmann hat ganze Passagen, aber auch knappe Zitate daraus übernommen: Die Wiener Klassik strahlt wie Frühlingssonne in die Dämmerung, wie eine heitere Antithese zu diesem Jazz des Nachglühens.

Melancholie gegen die Zumutungen

Ähnlich kontrastieren in diesem Stück zwei Instrumente: das Vibrafon, mit seinem kühlen Klang quasi das ideale Koglmann-Instrument (wiewohl von ihm selten gewählt) und das Akkordeon, das hier freilich eher harsch als derb-sinnlich klingt, zuweilen geradezu erschreckend. Wie manche Passagen Ciorans: Wenn er etwa von der absoluten Einsamkeit des Menschen spricht, aus der erst die Idee Gottes geboren wird... Zu dieser Schärfe wirkt die Musik fast besänftigend, beruhigend: Melancholie als Rüstung gegen die Zumutungen, als seelischer Zustand, der Distanz zur Welt schafft.

Noch abgeklärter der erste Teil des Konzerts im Radiokulturhaus: Das Monoblue Quartet spielte „Lo-lee-ta – Music on Nabokov“. Auch hier Nachdenklichkeit, Zitate,... Kann man das ohne eingehendes Studium überhaupt verstehen? Oder darf man sich in diese spätherbstliche Stimmung einfach fallen lassen? Man kann es versuchen, die Wendungen und Umkehrungen reißen einen wieder heraus. In die Gedanken.

„Wie spät kann die Romantik noch werden?“, fragte Klaus Nüchtern in seiner klugen Laudatio auf Koglmann. Sehr spät. Wenn die Postmoderne einmal überstanden ist (und die Jazzgeschichte sowieso), haben wir alle Zeit der Welt dazu, alte Spaziergänge wieder und wieder abzugehen. Koglmann nützt sie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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