Gepflegter Selbstbetrug

(c) AP (Daniel Roland)
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Glauben Sie nicht alles, was in einer Bankbilanz steht – die Kreativen sind am Werk.

"Sie müssen nicht alles glauben, was in der Zeitung steht", hat der Aufsichtsratschef eines großen heimischen Bankkonzerns (und, ganz nebenbei, Chef einer großen Mediengruppe) vorige Woche zum Thema Finanzkrise gesagt. Kann sein, dass er damit manchmal nicht ganz unrecht hat.

Wir geben das Kompliment aber gerne zurück: Glauben Sie nicht alles, was in einer Bankbilanz steht. Da sind nämlich gerade wieder die Kreativen am Werk. Nicht, dass man der IFRS-Bilanzierung der vergangenen Jahre eine Träne nachweinen müsste: Die hat, einfach gesagt, in guten Zeiten durch eine seltsame Vermischung von theoretischen Vermögenszuwächsen und „echten“ Gewinnen in der Gewinn- und Verlustrechnung zu unglaublich aufgeblasenen Gewinnen geführt.

Das war den Betroffenen nicht unangenehm: Wer sich etwa (wie diese Zeitung) im Vorjahr die Anmerkung erlaubt hat, dass irgendwo der Bilanzwurm stecken muss, wenn etwa Immobilienunternehmen viel mehr Gewinn als Umsatz ausweisen, der musste sich zumindest den Vorwurf des Ignorantentums gefallen lassen.

Jetzt ist alles anders: Die Umkehr (Abwertungen statt Aufwertungen) führt zu unglaublich aufgeblasenen Verlusten, die mit der Realität auch nicht allzu viel zu tun haben. Es ist also gut, wenn man sich langsam von dieser US-Bilanzierungsmethode, deren „Denke“ nicht wenig zur Finanzkrise beigetragen hat, verabschiedet.

Gerade die Banken haben aber gleich ein weiteres nettes Spielchen entdeckt: Die sogenannte „Mark to Market“-Bewertung ihrer eigenen Schulden. Das geht so: Begebene Anleihen werden nicht zum Rückzahlungswert, sondern zum (wegen der Krise niedrigen) aktuellen Sekundärmarktwert verbucht. Und schwupps sind 10, 20, 30 Prozent der Schulden verschwunden. Aber nur aus der Bilanz, denn zurückgezahlt müssen die Anleihen natürlich zu 100 Prozent werden. Ist wohl was Schönes, so ein gepflegter bilanzieller Selbstbetrug.

Damit es nicht zu ernst wird: Die Scherzkekse vom ÖBB-Vorstand haben stolz gemeint, „ohne Abschreibungen und Zinsen“ würden sie ohnehin Gewinn machen. Wir empfehlen in diesem Fall die Bilanzkennzahlen EBC (Earnings before Costs) bzw. EBE (Earnings before Everything) Dann könnte es sich ausgehen.


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2008)

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