Burgtheater-Kasino: Furcht und Elend der Bürokratie

(c) AP (Stephan Trierenberg)
  • Drucken

Frauen am Rand des Nerven-Zusammenbruchs in der Sozialarbeiterinnen-Groteske „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller.

Die Bühne des Kasinos des Burgtheaters (gestaltet von Magdalena Gut) ist vollständig mit einer Landschaft aus weißem Papier bedeckt, nur im Hintergrund ragt ein wenig eine grüne Zimmerpflanze hervor. Still ist es da vorn bei der österreichischen Erstaufführung von „Kaspar Häuser Meer“, man hört nur das murmelnde Hereinströmen der Zuschauer, bald schon zappeln sie unruhig auf ihren Sesseln, weil sich der Beginn verzögert.

Da springen drei Frauen auf, die von Anfang an unter dem Wust an kafkaesker Bürokratie verborgen waren, und beginnen ihr Klagelied. Sie sind die überforderten Sozialarbeiterinnen, die sich um viel zu viele Fälle von Kindesmissbrauch kümmern müssen. Ihr Kollege Björn hatte ein Burnout, fällt für längere Zeit aus, hinterlässt ein Chaos. Nun liegt noch mehr Last auf den Frauen.

Das absurde Büroleben

In den nächsten 90 Minuten werden sie im Stakkato den grotesken Text der Dramatikerin Felicia Zeller präsentieren, und das gelingt Adina Vetter (Anika), Alexandra Henkel (Silvia) und Barbara Petritsch (Barbara) ziemlich eindrucksvoll, denn Regisseurin Tina Lanik gibt ihnen genügend Raum, differenzierte Rollen zu spielen, sie zeigt das Büroleben absurd genug, dass man es aus eigenen Erfahrungen wieder erkennt, sie lässt genügend Kontemplation zu, um das Elend der Verwahrlosung nachhaltig wirken zu lassen, und sie verlässt sich vor allem auf das große Können der Schauspielerinnen, das niemals aufdringlich wird. Diese Art von gut gemeintem Sozialstück könnte auch gründlich schief gehen, bis hin zur Lächerlichkeit, aber Lanik hält es in Balance, Zellers Jargon der Eigentlichkeit kommt zur vollen Wirkung.

Flucht in Computer und Alkohol

Barbara, die älteste der drei, mit absurd junger Kleidung (Su Sigmund hat die Kostüme gut gewählt) ist ein ausgebuffter Routinier, sie weiß, wie Ärzte reagieren, Vorgesetzte, vor allem aber auch ihre wichtigste Klientel, das Prekariat in den Satellitenstädten. Während der Arbeit schmökert sie in Reisekatalogen (je entlegener, desto besser), das sind ihre kleinen Fluchtgedanken.

Silvia, kämpferisch gekleidet für den Dschungel da draußen, ist schon um einiges sensibler, sie fühlt sich ausgenutzt und überlastet. Für die Jahresstatistik hat sie die Wochenenden geopfert, sie glaubt, dass die Neue, Anika, zu wenig dafür getan hat. Die Rangordnungsspiele sind vorprogrammiert. Silivias Fluchten: Computerspiele am PC und Alkohol. Sie wird die Verliererin sein, sie nimmt den Job ganz persönlich.

Die Konfrontationen werden härter

Die gemeinsamen Rituale – kopieren schreddern, telefonieren, faxen und vor allem das Versammeln vor dem großen Kaffeeautomaten – schüren zugleich auch das Konfliktpotenzial. Die Konfrontationen werden härter, die Textfetzen kontrastreicher. Das Amtsdeutsch, das Gezicke und die Lakonie des Elends ergeben eine traurige Melange.

Wie reagieren die Frauen nun? Barbara verfällt immer öfter in Lethargie, sie verkörpert am ehesten das, was Ämter so verhasst macht. Petritsch spielt es großartig. Die leicht spießige Anika vollführt schweigend abenteuerliche Verrenkungen. Wer weiß, wie lange die Neue durchhalten wird, die alleinerziehende Mutter scheint heillos überfordert, ist selbst fast schon ein Fall für die Fürsorge – eine schöne Rolle für Vetter.

Silvia aber, die Wohlmeinende und Fleißige, steigert sich in immer verzweifeltere Posen der Anklage. Henkel gibt die klassische Tragödin, das macht sie auch besonders gut. Keine Schwächen also in diesem Kammerspiel, das auf ganz eigene Art betroffen macht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.