Psychologie. Ein „Dirty War Index“ soll das humanitäre Völkerrecht stärken. Erste Versuche in diese Richtung gab es bereits 1864.
Hier sah man einen vollkommen unkenntlich gewordenen Soldaten, dessen Zunge aus dem zerrissenen Munde hervorhing. Dort war ein anderer Unglücklicher, dem ein Teil des Gesichts mit dem Säbel weggehauen war. Ein Dritter, mit weit geöffneter Hirnschale, sank sterbend zusammen.“ Dazwischen eilte der zufällig anwesende Henry Dunan hin und her und versuchte zu helfen, es war im Juni 1859, nach der Schlacht von Solferino. Er schrieb seine Erinnerungen auf und rief nach Schutz der Verwundeten sowie nach einer Organisation zu ihrer Versorgung, daraus wurden das Rote Kreuz und die Genfer Konvention von 1864 „betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“.
Das war der Beginn des „humanitären Völkerrechts“, das versucht(e), die Barbarei des Kriegs mit Mitteln des Rechts zumindest partiell zu domestizieren. Viele Verträge kamen hinzu, vor allem die Genfer Konventionen von 1949, die die Zivilbevölkerungen in Kampfgebieten schützen sollen.
Über den Erfolg belehrt jede Nachrichtensendung über (derzeit) den Kongo oder den Sudan. Deshalb unternehmen zwei britische Forscher, Madelyn Hsiao-Rei Hicks und Michael Spagat, einen neuen Anlauf. Sie haben den „Dirty War Index“ (DWI) entwickelt, der zeigen soll, wo es gerade wie schmutzig zugeht: Man nimmt die Zahl der „schmutzigen“ Vorgänge – all die, die nach dem Völkerrecht verboten sind –, teilt sie durch „alle“ Vorgänge und multipliziert mit 100.
Kolumbien: dreckige Paramilitärs
Dann erhält man einen Wert auf einer hundertteiligen Skala, die Forscher führen es am kolumbianischen Bürgerkrieg 1988 bis 2005 vor. In diesem Krieg gab es drei Parteien: Die reguläre Armee tötete 659 Gegner und 539 Zivilisten, ergibt einen DWI von 45. Die linken Guerillas brachten es auf einen ähnlichen Wert (46, getötete Kämpfer: 2946, getötete Zivilisten: 2498), der Schmutz klebte an den paramilitärischen Einheiten, die 6985 Menschen zu Tode brachten, davon 6944 Zivilisten, macht einen DWI von 99.
„Dieser Befund, kombiniert mit den Methoden der Paramilitärs (Exekutionen durch Massenerschießungen) zeigt eine Konzentration der Paramilitärs auf Zivilisten, die bei der Demobilisierung, Entwaffnung und Wiederintegration der Paramilitärs bedacht werden müssen“, erklären die Forscher.
Der Befund zeigt natürlich auch, dass das Militär gut sauber bleiben konnte, weil es die Paramilitärs die Schmutzarbeit erledigen ließ. Immerhin: Mit dem DWI kann man – soferne man zuverlässige Zahlen hat –, alles Erdenkliche analysieren und, vor allem, griffig vor Augen führen: Den Schmutz des Vergewaltigens, den des „Kollateral“-Tötens von Kindern – in Tschetschenien durch Personenminen (DWI: 22) und Sprengfallen (30) –, den der Zerstörung der Infrastruktur, Burma hat gegenüber Minderheiten im eigenen Land einen DWI von 26.
Wird so etwas irgendeinen Staatenführer oder Warlord beeindrucken? „Keine Nation oder Kombattanten-Gruppe will ,schmutzig‘ sein, zumindest nicht ,schmutziger‘ als andere“, hoffen die Forscher. Allerdings weisen sie auch darauf hin, dass „Schmutz“ eher eine europäische Metapher ist, andere Völkerschaften sollte man besser bei der „Ehre“ packen (PLoS Medicine, 15. 12.).
(Die Presse, Printausgabe vom 16.12.2008)