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Vilnius: Baltische Perle, blank poliert

(c) APA (Otto Schönherr)
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Die Hauptstadt des kleinen Litauen ist 2009 neben Linz Kultur-Hauptstadt Europas.

VILNIUS. Schubert fährt kreuz und quer durch Vilnius. Bach auch. Mit dem Bus. Die riesigen Plakate mit den Köpfen der Komponisten sollen die Litauer auf ein kulturelles Großereignis einstimmen – und so nebenbei gleich ein bisschen Volkserziehung leisten. 2009 ist nämlich Vilnius' großes Jahr: Gemeinsam mit Linz ist die litauische Hauptstadt europäische Kulturhauptstadt. Zudem feiert Litauen sein 1000. Gründungsjubiläum.

 

Eine reiche Vergangenheit

Rund 35 Millionen Euro stellt der südlichste der baltischen Staaten für das kulturelle Programm von „Vilnius09“ zur Verfügung: Rund 300 Projekte sollen umgesetzt werden und mehr als drei Millionen Kulturinteressierte aus dem In- und Ausland anlocken: Barockkonzerte, Tage der Straßenmusik, Jazzfeste, ein Lichtfestival, Opern- und Ballettaufführungen stehen auf dem Programm.

 

 

Dabei wollen die Organisatoren auch auf die reiche Vergangenheit der Stadt hinweisen. Noch vor 100 Jahren war Vilnius nämlich ein Völkergemisch, knapp die Hälfte der Stadtbewohner waren Juden, der Rest Polen, Russen und Litauer. Stadtbild und soziales Leben waren von der jüdischen Kultur geprägt, sogar die größte jüdische Bibliothek Europas befand sich damals hier.

Doch mit dem Zweiten Weltkrieg begann auch das Ende der jüdischen Geschichte von Vilnius. Als die deutsche Wehrmacht im Sommer 1941 Litauen erreichte, wurde die Altstadt rasch zum jüdischen Ghetto, tausende Juden wurden von Nazi-Schergen und ihren litauischen Hilfstrupps in einem Wald bei Vilnius erschossen. Zehntausende lebten weiter unter miserablen Bedingungen im Ghetto, bis es 1943 geräumt wurde. Für die meisten bedeutete das den Tod im Konzentrationslager.

In Litauens Zeiten als Sowjetrepublik kamen vermehrt Russen ins Baltikum, auch Litauer vom Land zog es nach Vilnius. Heute stellen die Litauer die Mehrheit der etwa 550.000 Einwohner der Hauptstadt, 18 Prozent sind Polen und 14 Prozent Russen. Die Juden machen kaum mehr ein halbes Prozent der Bevölkerung aus.

 

Erinnern als Luxusprogramm?

Dem alten, multiethnischen Vilnius hat sich der jüdische Komponist Anatolijus ?enderovas verschrieben. Mit seinem für „Vilnius09“ komponierten Werk will er an die jüdischen Traditionen des „Stetl“ erinnern. „Heute haben wir fast kein jüdisches Leben in Vilnius mehr“, erklärt der quirlige 63-Jährige. Er kam mit seinen Eltern nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Vilnius. Auf die Frage, ob das moderne Vilnius überhaupt etwas von seiner dunklen Vergangenheit wissen will, pausiert der sonst um keine Antwort verlegene ?enderovas lange: „Da herrscht die Meinung vor, warum sollten wir uns an früher erinnern“, kommentiert er schließlich. Erinnern also als Luxusprogramm einer von der EU geförderten Kulturveranstaltung.

Doch auch wenige Tage vor dem Startschuss ist noch nicht restlos geklärt, ob die Finanzierung aller kulturellen Programmpunkte gesichert ist. Die Zusagen zur Finanzierung von Stadt und Staat ließen nicht lange auf sich warten, die Überweisung des Geldes schon. Zwei Monate vor Beginn des Mega-Events waren erst zehn Prozent an die Organisatoren ausbezahlt. Die Finanzkrise trifft den baltischen „Tiger“ Litauen besonders hart. Es ist fraglich, ob tatsächlich alle 300 Projekte umgesetzt werden.

 

Eine Stadt putzt sich heraus

Ein großer Brocken des Budgets fließt zudem erst einmal in die Renovierung der Altstadt. Für das Kulturevent Europas putzt sich die Stadt heraus. Der Präsidentenpalast und die alte Universität im Kern der barocken, von der Unesco mit dem Titel „Weltkulturerbe“ geadelten Altstadt sind schon fertig. Andere sind noch teilweise in Baugerüste gehüllt. Ob nun alle 300 Projekte zustande kommen oder auch nicht – eine Frischzellenkur wurde der Stadt allemal verpasst.

Dank der Werbespots, die sogar in den Nachrichtenkanälen von BBC und CNN laufen, hofft Litauen auf erhöhte Aufmerksamkeit aus dem Ausland. Die offiziellen Internetseiten der Tourismuswerbung verzeichnen erhöhte Zugriffsraten. Die Rechnung scheint aufzugehen – wenn auch bisher nur virtuell.

www.vilnius2009.lt

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2008)