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Siemens kündigt „auf freiwilliger Basis“

Brigitte Ederer
(c) Clemens Fabry
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1000 Leute müssen den Konzern verlassen. Siemens hofft, von Konjunkturpaketen zu profitieren. Der Abbau der Arbeitsplätze soll „de facto auf freiwilliger Basis“ geschehen, kündigte Ederer an.

WIEN (g. h.). Eigentlich wollte Siemens-Österreich-Chefin Brigitte Ederer am Mittwoch ein schönes Jahresergebnis präsentieren. 30.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2008 in Österreich, Zentral- und Osteuropa einen Umsatz von 7,6 Mrd. Euro. Ein leichtes Plus gegenüber dem Vorjahr. In Österreich allein wurde mit 2,8 Mrd. Euro um zehn Prozent mehr umgesetzt. Die Konzernmutter in München darf sich über 136 Mio. Gewinn freuen. Finanzchef Reinhard Pinzer freut sich seinerseits, dass er Finanzbeteiligungen vor Beginn der Finanzkrise noch schnell gewinnbringend abgestoßen hat. Und vor allem: dass die Auftragsbücher noch gut gefüllt sind. Wenn auch im letzten Quartal bereits die ersten punktuellen Rückgänge bei neuen Geschäftsabschlüssen verzeichnet worden sind. Summa summarum geht es Siemens Österreich gut. Eigentlich.

Weniger gut geht es allerdings rund 1000 Mitarbeitern, die in den kommenden Monaten ihren Job verlieren werden. Dass 500 Leute in der Verwaltung eingespart werden, hat Ederer bereits Anfang des Jahres angekündigt. Es ist Teil der „größten Umstrukturierung der Konzerngeschichte“, wie Ederer es nennt. Etwa 100 haben das Unternehmen bereits verlassen, die restlichen 400 wissen, dass sie nur noch bis Ende des Jahres gebraucht werden.

Anders sieht die Sache bei der Softwaresparte PSE aus. Bis zu 470 Leute sollen bis Ende März das Werk verlassen. Seit Monaten liefern sich Betriebsrat und Management ein herzerfrischendes Duell inklusive Demonstrationen vor der Siemens-Zentrale.

Das soll es nun nicht mehr geben. Denn der Abbau der Arbeitsplätze soll „de facto auf freiwilliger Basis“ geschehen, kündigte Ederer an. Hinter der kuriosen Bezeichnung birgt sich tatsächlich ein kurioses Modell.

 

Einvernehmlich statt mit blauem Brief

Die Siemens-Mitarbeiter werden nicht, wie normalerweise üblich, vom Management gekündigt. Den Mitarbeitern wird „nahegelegt, das Unternehmen verlassen zu wollen“, beschreibt Ederer die Vorgangsweise. Auf deutsch: Der Job-Abbau soll unter Einbindung des Betriebsrats ausschließlich über einvernehmliche Auflösungen der Dienstverträge geschehen. Ein – laut Ederer „sehr sozialer“ – Sozialplan soll Motivation sein, das Unternehmen zu verlassen. Das Wort „Golden Handshake“ hört Ederer nicht so gerne. Fest steht für Ederer aber, dass diese Kündigungen „auf freiwilliger Basis“ bis Ende März vollzogen werden müssen. Sonst wird wieder wie üblich auf unfreiwilliger Basis gekündigt.

Die sich abzeichnende Konjunkturkrise stellt den Technologieriesen nicht nur vor Probleme. Beim Thema „Konjunkturpaket der Regierung“ spitzen die Siemens-Manager die Ohren. Denn überall dort, wo der Staat die Wirtschaft ankurbeln möchte, verdient Siemens Geld. Sei es bei Infrastrukturprojekten vom Tunnelbau bis hin zu neuen Garnituren für Bahn, U-Bahn oder Straßenbahn. Bei der thermischen Sanierung von Gebäuden kommt Siemens-Technologie zur Anwendung. Ganz zu schweigen vom Bau neuer Kraftwerke oder alternativer Energiegewinnung. „Staatliche Konjunkturpakete“ klingen also für Siemens wie Weihnachten.

Weniger süß ist der Klang hingegen, den der Konzern aus seinen Filialen in Osteuropa vernimmt. In der Ukraine dürften Aufträge und Zahlungsmoral der Kunden dramatisch sinken. Besonders davon betroffen scheint die Siemens VAI. Was helfen da in diesem Jahr 18,7 Prozent mehr Auftragseingänge, wenn die Kunden dafür nächstes Jahr kein Geld mehr haben?

 

Aufträge in Höhe von 9,6 Mrd. Euro

Finanzchef Pinzer gesteht ein, dass in der Ukraine der eine oder andere Auftrag wenn nicht aufgehoben, dann zumindest aufgeschoben werden könnte. Das liege vor allem daran, dass die Unternehmen im Zuge der Finanzkrise Probleme bei der Finanzierung der Investitionen bekommen. Die Siemens-Österreich-Gruppe erhielt heuer Aufträge in Höhe von 9,6 Mrd. Euro. Bleibt zu hoffen, dass die Banken den Siemens-Kunden deren Aufträge auch finanzieren werden ...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2008)