Boxen: Österreichs geborgte Weltmeister

Nikolai Valuev und Evander Holyfield
Nikolai Valuev und Evander Holyfield(c) AP (ALESSANDRO DELLA BELLA)
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Evander Holyfield, 46, will ältester Champion aller Zeiten werden. Das Duell gegen Nikolaj Walujew ermöglichen der Faustkämpferverband und der Wiener Willibald Palatin.

WIEN/ZÜRICH. Was haben große Dirigenten, Tenöre, Schauspieler und alternde Boxer gemein? Sie verpassen alle zu oft den rechtzeitigen Absprung und zerstören sich mit müden Darbietungen ihren mühsam erkämpften Ruhm. So mancher will es nicht wahrhaben und macht so lange weiter, bis der Glanz alter Tage nur noch vom Mitleid übertroffen wird. Andere wiederum müssen immer und immer wieder zurückkehren, weil ihr Lebensstil die hart erkämpften Dollar-Vorräte aufgebraucht hat.

Beide Ansätze begleiten den US-Amerikaner Evander Holyfield, wenn er am Samstag in Zürich in den Ring steigt und WBA-Weltmeister Nikolaj Walujew entthronen will. Er hat 20 Millionen Dollar Schulden, ihm droht sogar die Pfändung seiner 109-Zimmer-Villa. Aus sportlicher Sicht kann der einst als „The Real Deal“ gefeierte Exweltmeister und 1997 von „Iron“ Mike Tyson auf Lebenszeit gekennzeichnete Boxer (Stichwort Ohrbiss) Geschichte schreiben und mit 46 Jahren der älteste Champion aller Zeiten werden. Derzeit ist es noch George Foreman, der 1994 als 45-Jähriger den damaligen Titelträger Michael Moorer k.o. geschlagen hatte. Holyfield: „Die Welt wird sehen, dass ich kein Box-Opa bin.“

Welt blickt zum Reumannplatz

Veranstaltet wird der Kampf vom deutschen Sauerland-Boxstall, und damit kommt Österreich in Spiel. Sauerland hatte sich mit dem deutschen Boxverband überworfen und aufgrund enger Verbindungen mit dem Wiener Willibald Palatin, 64, und dem von ihm geführten Faustkämpferverband 2006 eine Vereinbarung getroffen. Sauerland transferierte seine Firma nach Österreich, und der FVA-Verband erteilt all seinen Boxern nach medizinischem Check die Lizenz, begleitet Kämpfe mit Punkt- und Ringrichtern und veranlasst, dass laufend Dopingkontrollen durchgeführt werden.

Österreich boxt seit Jahren nur noch im Niemandsland, der Verband aber – beheimatet in der Waldgasse 52 nahe dem Reumannplatz – verfügt mit diesem „Deal“ kurioserweise über zwei Weltmeister (Arthur Abraham und Walujew) und weltweites Ansehen. Palatin, seit zwölf Jahren Präsident, ist darauf stolz. „Wir stellen die Organisation auf die Beine und Sauerland ist zufrieden. Vor allem gefällt ihm und der ARD, dass wir im Antidopingkampf so rigoros vorgehen – seine Kämpfer werden rund um die Uhr getestet.“

Der Hintergrund ist in diesem Fall freilich Geld. Der Schaden wäre unvorstellbar, würde am Kampftag ein positiver Test die TV-Übertragung verhindern. Seit 2007 arbeitet daher die Wiener Boxbehörde mit der in Bayern ansässigen „Physical Work Control“ (PWC) zusammen, die für nationale Antidopingagenturen Tests durchführt.

Schmerzen „älterer Semester“

Dass der Verband mit der nur in Europa gültigen Zusammenarbeit auch etwas verdient, versteht sich von selbst. Alle „Gebühren“ werden „pauschal“, so Palatin, mit 80.000 Euro pro Jahr entlohnt. Das Geld soll in lokale Veranstaltungen und Turniere fließen.

Dieses Prozedere musste auch der ehemalige Weltstar Evander Holyfield über sich ergehen lassen. Der Boxer, der wegen „verminderter Fähigkeiten“ in Amerika bereits von 2004 bis 2006 gesperrt war, bestand in Bayreuth mühelos alle Kontrollen. Palatin beruft sich auf die ihm vorliegenden Atteste, und „ohne das Okay der Ärzte bekommt keiner unsere Erlaubnis, in den Ring zu steigen.“ Dass Boxen, vor allem im Schwergewicht, nicht ungefährlich ist, ist bekannt. Vor allem „ältere Semester“ haben an harten Schlägen gehörig zu arbeiten. Holyfield ist das egal – er riskiert es, eventuelle Folgen sind ihm egal. Hauptsache, seine Börse stimmt.

Für Samstag werden 12.000 Zuschauer in Zürich und hohe TV-Einschaltquoten (live in ATV ab 22.35 Uhr) erwartet. Neben Don King hat sich auch Willibald Palatin angekündigt. Nachdem sein Verband beiden Boxern die Lizenz ausstellte, riskierte er aber lieber keinen Tipp. Österreich bleibt so oder so Weltmeister, wenn auch der Athlet nur „geborgt“ ist.

AUF EINEN BLICK

Evander Holyfield, 46, tritt am Samstag in Zürich gegen Russlands 2,13-m-Riesen Nikolaj Walujew an.

Der Exweltmeister sorgte zuletzt durch seinen Schuldenberg (20 Mio. Dollar) und als Kunde einer Internet-Apotheke für Schlagzeilen. Unvergessen bleibt sein Kampf aus dem Jahr 1997 gegen Mike Tyson. „Iron Mike“ biss ihm ein Stück seines rechten Ohres ab. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2008)

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