Wiener Musikleben: Plötzlich tönen Stimmen aus der Höhe

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Erwin Ortner plauderte im „Presse“-Musiksalon und dirigiert heute im Musikverein Händel.

Die Überraschung war perfekt: Erwin Ortner hatte eloquent über die Kunst des Chorgesangs parliert, als plötzlich von den Galerie eine Bruckner-Motette erklang: Der Chorleiter hatte seinen gesamten Arnold Schönberg Chor in den Gläsernen Saal des Musikvereins mitgebracht und damit den Gästen des traditionellen „Presse“-Musiksalons eine akustische Überrumpelung der charmantesten Art beschert.

Harnoncourts Lieblingschor

Seit Jahren arbeitet Ortner mit seinen Sängern konsequent an einem breit gefächert Repertoire, das vom Barock bis zur Moderne reicht und keineswegs nur in Konzertsälen oder – etwa mit Nikolaus Harnoncourt Jahr für Jahr anlässlich des Styriarte-Festivals in Stainz – in der Kirche beheimatet ist. Österreichs prominentester Profichor wird seit langer Zeit auch auf dem Theater gefeiert. Nicht nur Harnoncourt, der auf Ortners Arbeit schwört, nutzt den Schönberg Chor auch für Opernzwecke.

Im Musiksalon plauderte der Chorleiter aus Passion aus der Schule, erzählte über die Anfänge seiner Dirigierleidenschaft, die gleich der Arbeit mit Singstimmen galt und über mehrere Stationen, unter anderem die Leitung des ORF-Chors, zur nun weltweit gepriesenen Arbeit mit dem Schönberg Chor führte.

Spannend zu hören, wie die Arbeit hinter den Kulissen funktioniert, bevor Dirigenten die Stimmen nach ihren Vorstellungen mit dem Orchesterklang harmonisieren. Spannend auch Ortners Ausführungen über die Möglichkeiten, die sich für eine Sängergemeinschaft, die auf dem freien Musikmarkt konkurrenzfähig bleiben will, in Sachen Repertoirebildung ergeben. Hier gäbe es eine kulturpolitische Verantwortung, der sich manche Entscheidungsträger entziehen – wenn derzeit, so Ortner, über Probleme des Wiener Radiosinfonieorchesters diskutiert werde, so erinnere ihn das frappant an jenen Moment, in dem ihm die verantwortliche Abteilungsleiterin einst davon in Kenntnis gesetzt hat, dass der ORF-Chor aufgelöst würde. Die Chancen, Randgebiete des Repertoires zu erobern, vor allem aber Neue Musik auf hohem Niveau zu pflegen, würden mit solchen Entscheidungen drastisch minimiert.

Ein „Messias“ mit Feinschliff

Heute, Freitag, nutzt Ortner seine allseits gepriesene Einstudierungsarbeit einmal selbst, indem er auch als Dirigent auf dem Musikvereinspodium steht. Unter seiner Leitung singt der Schönberg-Chor und musiziert das Ensemble Armonico Tributo Händels „Messias“, quasi als Auftakt zu den vielen Händel-Aufführungen anlässlich des 250. Todestages des Komponisten. Besucher des „Presse“-Salons bekamen jüngst einen kleinen Vorgeschmack, denn zum Ausklang der Veranstaltung sangen die Gäste das „Hallelujah“ aus dem Oratorium, fein abgestuft aus stiller Freude zu ekstatischem Jubel anwachsend, vielversprechende Propaganda für den heutigen Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2008)

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