Philippinen: Pazifische Weihnachten

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Die längsten Weihnachten der Welt feiern die Filipinos – ausgelassen, feucht-fröhlich und bei 30 Grad. Auf Stränden, so glatt wie Fini's Feinstes.

Offiziell hat Weihnachten auf den Philippinen vor vier Tagen begonnen. Beim ersten Hahnenschrei, beim ersten Glockenläuten am 16. Dezember, ging's so richtig los: mit der „Misa di Gallo“, der Hahnenmesse. Was darauf folgt, ist ein Marathon an landesweiten Festivitäten, heiligen Messen, Umzügen, Krippenspielen, Laternenwettbewerben, Krachmachereien, Klangwolken und Farborgien. Wer zu dieser Zeit – Beginn der Hauptsaison – auf den Philippinen unterwegs ist, kann sich dieser o du fröhlichen Stimmung kaum entziehen.

Jetzt sind die Straßen von Manila, von Cebu City und den kleineren Städten noch gepackter, noch bunter – und die großen Kirchen noch voller als sonst. Anders als in unseren Breiten kommen die Schäfchen den Hirten in dem 7107-Inseln-Staat nämlich nicht abhanden, im Gegenteil: In Cebu City etwa musste die alte Basilica del Santo Nino um eine Outdoor-Arena erweitert werden, um den Ansturm der Gläubigen schon bei den ganz normalen Sonntagsmessen zu bewältigen. Staffelweise geht die Messe für drei Mal 5000 Leute über die Bühne.

X-large Weihnachten

Eine philippinische „Noche Buena“ (Heilige Nacht) wirkt gegen den ganzen Weihnachtstrubel im Vorfeld merkwürdig still. Da feiert der Familienclan zu Hause, gleich nach der Mitternachtsmesse. Leise wird es auch da nicht, philippinische Familien und ihre Gastfreundschaft sind groß, man liebt jede Art von Fiesta, wahrscheinlich singt man Karaoke, weil man das überall tut.

Spätestens dann wäre Weihnachten bei uns gelaufen. Nicht so in diesem tiefkatholischen Land. Man begeht auch einen Unschuldige-Kinder-Tag mit einem Einsatz und einer Begeisterung, die uns fremd sind. Die aber berührt.

Inoffiziell, aber mit freiem Auge sichtbar, starten die Filipinos Weihnachten schon sehr viel früher als Mitte Dezember. Bereits Wochen vorher werden die ersten Weihnachtslieder gespielt und in jedem noch so kleinen Dorf die hübschen Laternen („paroles“) aufgehängt. Bunte Sterne mit Bommeln, Lampions und leuchtende, blinkende Deko baumeln dann am Palmenstrand von Boracay genauso wie von den Kabel- und Oberleitungssalaten kreuz und quer durch die 17-Millionen-Stadt Manila.

Manchmal sieht man sogar Xmas-mäßig aufgerüschte Jeepneys. Das sind die für die Philippinen so typischen öffentlichen Sammeltaxis – eine Mischung aus Militärfahrzeug, Pick-up und Kleinbus mit zwei seitlichen Sitzbänken und viel Körperkontakt zu den Mitpassagieren. Sagenhaft geschmückte Christbäume aus Draht und Plastik wachsen in Hotelfoyers, Gärten und Shoppingmalls, in die man sich vor tropischer Schwüle flüchtet. An monumentale Krippenszenen gerät man selbst an Orten, wo man sie am allerwenigsten vermutet. In Tauchmontur, im Bikini, im Disco-Outfit – zum Beispiel auf der kleinen Insel Boracay, dem gehypten Badeziel des Archipels.

Discosause, Krippenspiel

House-Musik wummert aus den Boxen auf den Strand. Maria, Josef und Kind in der Krippe schauen den Kellnerinnen zu, wie sie lächelnd die Tische decken, lächelnd die frischen Fische stapeln und lächelnd Happy-Hour-Cocktails mixen. Das Ensemble ergibt fast ein Triptychon. In der Mitte die Krippe. Ein Cola-Automat zu ihrer Linken. Zu ihrer Rechten ein Stapel Sonnenliegen.

Am Abend wird der Blendax-weiße Strand geräumt, Lounge-Bestuhlung rückt nach, Partymenschen machen sich's gemütlich. Man kann hier ewig am Wasser schlendern, von Bar zu Bar, von einem chinesischen Restaurant zu einem anderen, italienischen, vorbei an Hotels, die sich „Tirol“ nennen, aber nur über Umwege damit zu tun haben. Man flaniert durch Soundkulissen aus pazifischem Meeresrauschen, Karaoke, US-Charts und ein bisschen Weihnachtsgesülze. Nur selten hört man das Tröten der Tricycles, der originellen Mopeds mit Beiwagen, die über die schmalen Straßen der Insel knattern.

Maria blickt von ihrem Marterl zu den Badenden hinüber. Was sich eine Heilige wohl über Leute am Strand denkt? Zieht euch mehr an? Trinkt nicht so viel San-Miguel-Bier? Kauft keine Fake-Uhren? Aber nein. Vermutlich drückt diese Maria beide Augen zu, vermutlich ist eine tropische Muttergottes irgendwie toleranter. Die Heilige steht in einer Nische auf dem kleinen Felsbrocken, der dem White Beach vorgelagert ist, diesem sieben Kilometer langen Bilderbuchstrand. Der Streifen ist eines der bekanntesten Ziele für Philippinen-Reisende, die nicht speziell zum Tauchen kommen, sondern zum Baden, zum Beachlife oder, um eine Pause auf einer individuellen Asienrundreise zu machen.

Der Sand fühlt sich an wie Fini's Feinstes, glatt wie für den Keksteig. Bei aller Bebauung in den letzten Jahren ist es gelungen, die Hotels noch hinter Palmenreihen verschwinden zu lassen. Bunte Auslegerboote kreuzen davor, man schippert mit ihnen rund um die Insel und zum Schnorcheln. Man müsste nicht einmal Seeigel aus dem türkisen Wasser herausretuschieren, denn es gibt hier keine.

Grasige Schokoladehügel

Die Heilige am Badestrand fügt sich in das Bild eines Landes, das in vielem – großen spanischen Sprachanteilen, der Architektur und (synkretistischem) Katholizismus – an Mexiko erinnert. Die schönen, aus der Kolonialzeit stammenden Kirchen sind Werk der Spanier – aber via Mexiko. Aus der üppig grünen Landschaft voller Bananen, Ananas und Reisfeldern sprechen Botschaften: „Mary, our mother, protect us.“ Das klingt schwer amerikanisch – die Amis waren hier, über 40 Jahre lang.

Sprüche auf den Jeepneys steigern das Vertrauen in die Fahrtüchtigkeit des Chauffeurs ungemein: „God bless our trip.“ Mit solchem Segen kann man ganz gut über Land gondeln und eine mittelgroße Insel wie Bohol erkunden. Man darf nur hoffen, dass dieses Ökoparadies so bleibt, wie es ist: sehr grün, sehr wenig verhüttelt, ja urig, mit eigenartigen Tieren (Tarsiers – Makis) und mit schönen Stränden, naja: gesegnet.

Hierher kommt man wegen einer der merkwürdigsten geologischen Formationen auf diesem Planeten: Über tausend kleine, grasige Hügel ragen aus dem tropischen Grün. Verdorrt ihr Bewuchs, wirken sie wie ein Tablett voll Profiteroles: die „Chocolate Hills“. Am besten, man kommt in den Morgenstunden, wenn das Licht mit ihnen spielt und Zeit bleibt für eine Mittagsfahrt auf dem malachitgrünen Lomboc-River.

Und wenn Weihnachten vorüber ist? Dann fährt man in das Paskuhan Village nahe Manila, ein Vergnügungszentrum, das sich ganz dem Weihnachtsthema widmet – und zwar ganzjährig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)


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