Zum Abschied des Pianisten Alfred Brendel von den Konzertpodien.
Ein zart und verschmitzten Blicks mit leichter Verzögerung hingetupftes zweigestrichenes As – das war, zum Ausklang von Liszts „Lac de Wallenstadt“, Alfred Brendels Abschiedston. Sorgfältig inszenierte Adieus dieses Zuschnitts, Ehrenbezeigungen des stehend applaudierenden Publikums inkludiert, verleiten zu euphorischen Wertungen. Und doch schienen der Klang dieses delikaten Tons und die Gebärde des Pianisten das Phänomen Brendel konzentriert noch einmal einzufangen, tatsächlich „auf den Punkt“, diesfalls aufs hohe As zu bringen.
Humor, wenn er echt ist
Glasklare Anschlagskultur und hintergründiger Humor zählen schließlich zu den gepriesenen Eigenschaften dieses Künstlers. Wobei der Humor wie immer, wenn er echt und tief ist, in Abgründe zu reichen vermag. Jene Abgründe, die sich in Brendels Spiel dank einer in dieser Melange einzigartigen Harmonisierung von intellektueller Durchdringung und ungekünsteltem Musiziergeist jäh offenbaren können; denken wir an den langsamen Satz von Schuberts großer A-Dur-Sonate – Musik, für deren Verständnis Brendel als musikalischer wie wortmächtiger Interpret viel geleistet hat.
Mozarts erster großer Wurf, con anima
Dass sein Klavierspiel die dazu nötige Spontaneität zu behalten schien, obwohl es stets durch einen eminenten – und oft unverhohlen mühsamen – gedanklichen Prozess vorbereitet war, sicherte dem Künstler über die Jahrzehnte hin die Zuneigung seiner Hörerschaft.
Symptomatisch und voll des Charmes, dass es kein Werk äußerer Größe, sondern eines inneren Reichtums war, das Brendel für seinen unwiderruflich letzten Auftritt als Pianist wählte. Von den Wiener Philharmonikern und Charles Mackerras hinreißend wohlklingend und con anima begleitet, musizierte er das „Jeunehomme“-Konzert (KV 271) des 21-jährigen Mozart, das erste wahrhaft große Klavierkonzert der Musikgeschichte, vielgestaltiger und kühner geschichtet als selbst die späteren einschlägigen Stücke des Meisters – und von Brendel diesmal, so schien es, besonders eindringlich nach verborgenen Hintertüren und Capricen befragt. Der schmerzhaft nach Dur gierende c-Moll-Mittelsatz geriet so zum bewegenden Dokument musikalischer Seelenbespiegelung: Da stand noch der kleinste Nebenton unter Hochspannung, zwingend vernetzt in der packenden Klangerzählung.
Solcher Sinn für die scheinbar ganz natürliche Entfaltung zwingender Strukturen aus kleinsten Elementen hat den Interpretationen Brendels stets Größe vermittelt. Er wird nun, gespeist aus dankbaren Erinnerungen und gottlob zahlreichen Tondokumenten, den Stoff für die Alfred-Brendel-Legende bilden.
Zu dieser gehört im übrigen auch die Treue zu manch Unpopulärem, die sich noch in den Abschieds-Encores niederschlug. Nebst Liszt gehörte auch Ferruccio Busoni (dessen Bearbeitung von Bachs „Nun komm der Heiden Heiland“ als erste Zugabe erklang) zu jenen Komponisten, für die sich Alfred Brendel sein ganzes Interpretenleben lang konsequent verwendet hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)