Über keine Brücke kannst du gehen

Im Jahr eins nach der Schengen-Öffnung bleibt die Grenzregion an der March ein toter Winkel im Herzen Europas. Vielen Einheimischen ist das ganz recht so.

Schön war die Zeit: Die EU-Erweiterung stand vor der Tür und an der Grenze lag Erotik in der Luft. „Marchegg hat was, Marchegg ist ... sexy!“, versprachen vor fünf Jahren Flugblätter. Eine Autobrücke über die March werde man bauen, in wenigen Minuten in Bratislava sein. Marchegg als „Tor in die erweiterte EU, in der Mitte des neuen Europa.“

Der mit viel Pomp eingeweihte Industriepark sollte Autozulieferer anlocken, die Region Anschluss finden zum „Detroit Mitteleuropas“ gegenüber. Vor allem aber, jubelten die Sonntagsredner, sollte wieder zusammenwachsen, was seit jeher zusammengehört.

„Drüben sind sie schlauer“

In der Monarchie fuhr eine Straßenbahn von Wien nach Pressburg. Dicht geknüpft waren familiäre Bande über die March. „Drüben stehen auf den Grabsteinen gleiche Namen wie bei uns“, weiß Robert Freitag, Bürgermeister in Hohenau. Doch der Eiserne Vorhang machte dem Kulturraum ein Ende. Die Nazis sprengten March-Brücken auf dem Rückzug. Die Sowjets schlugen eine einzige neue, die Pontonbrücke in Hohenau – sie sollte einen Angriff auf Österreich erleichtern.

Ein Fluss wurde zum unüberwindlichen Hindernis. Das freute Biber, Graureiher und Moorfrösche in den Auen. Aber die Menschen hüben und drüben waren entzweit. 70 Kilometer ohne Grenzübergang. Oben in Drasenhofen und unten in Berg regierten Zwangsumtausch und Visumspflicht.

„Als wir Kinder waren, durften wir am Fluss nicht spielen. Unsere Eltern hatten Angst, dass wir niedergeschossen werden“, erinnert sich Beate Weiß. Für die Hauptschuldirektorin in Marchegg war die Öffnung 1989 „ein tolles Gefühl“. Es regte sich noch zweimal: 2004, mit dem EU-Beitritt der Slowakei, und vor einem Jahr, mit dem Ende der Schengen-Grenze. Doch die Erwartungen erfüllten sich nicht: Der Industriepark blieb leer, die Autobrücke kam über den Spatenstich noch nicht hinaus.

Sehnsüchtig schielt Kaffeehauswirtin Waldrauch auf die VW-Fabrik in Devínska Nová Ves. „Die dort drüben machen es schlauer“, seufzt sie. Die Region jenseits der Grenze boomt, Grund und Boden sind schon teurer als hier. Lehrerin Weiß freut sich über 15 Schützlinge aus Bratislava: „Sie heben das Niveau“. Ihre Eltern sehen GrenzSituationen als Chance: Sie schicken ihre Kinder mit dem Zug über die March, damit sie in einer zweiten Sprache zu Hause sind.

Die Marchegger sind da viel reservierter. „Beim Schulaustausch wollten die Eltern zuerst nicht, dass ihre Kinder bei slowakischen Familien wohnen.“ Als es sich nicht vermeiden ließ, war die Überraschung groß: „Die leben ja genau wie wir!“

Rostige Fähre statt Brücke

Quietschend fährt die rostige Rampe hoch, quälend langsam kämpft sich die kleine Autofähre in Angern über die schmale March – seit sieben Jahren, auf slowakische Initiative hin. Am anderen Ufer erhebt sich, wie ein Menetekel, die Ruine der Zuckerfabrik, die einst die Rübenbauern im Weinviertel mit Arbeit versorgte. Ein Holzhändler wartet frierend auf die Überfuhr: „Tausendmal bin ich hier gestanden. Bei Hochwasser kommt man gar nicht rüber. Höchste Zeit, dass eine Brücke kommt.“ Das sehen viele Angerer nicht so. 1993 waren drei Viertel gegen einen Fußgängersteg, immer noch 40 Prozent wollen heute von einer Brücke nichts wissen.

Geschönte Kriminalstatistik?

In seinem Hohenau hingegen, lobt Bürgermeister Freitag, gebe es keine Berührungsängste. Auch eine Brücke ist hier schon länger da: Der Agrana-Konzern, der hier bis 2006 eine Fabrik betrieb, hatte den Sowjetponton revitalisiert, um Kalkstein für die Zuckerproduktion importieren zu können.

Daraus wurde immerhin eine einspurige Pkw-Brücke. Doch etwa vier Wochen im Jahr steht ihre Zufahrt unter Wasser. Und aus Öko-Rücksicht bleibt sie, Schengen zum Trotz, von 24 bis fünf Uhr Früh zu. „Richtig feiern kann man da mit den Nachbarn nicht“, seufzt der Bürgermeister. Aber er ist stolz, dass „anders als in Angern und Dürnkrut“ eine „überwältigende Mehrheit“ der Hohenauer für eine neue, breite, hochwassersichere Brücke sei.

Welche Bedenken plagen auch hier die Minderheit? Die Kriminalstatistik hält Freitag „für geschönt“, mit der Sicherheit stehe es, nach Abbau von Grenzposten und Polizeistellen, nicht gut. Die Kellnerin in der Tanzbar gegenüber sagt es direkter: „Mir wär lieber, dass die Slowaken weniger leicht rüberkommen.“ So tönt es, ein Jahr nach Schengen-Öffnung, in der „Mitte des neuen Europa“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)

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