In Europa wird der Nationalökonom John Maynard Keynes glühend verehrt. 60 Jahre nach seinem Tod wird sich auch zeigen, ob er die richtigen Schlüsse aus der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre gezogen hat.
Sollte ein altes Sprichwort tatsächlich stimmen, dann machen Söhne nie dieselben Fehler wie ihre Väter – dafür machen sie andere. Während unsere Vorväter nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahr 1929 die Zinsen erhöhten (um die Geldmenge zu reduzieren und so die Inflationsgefahr zu bannen), die Staatsausgaben scharf kürzten (um die öffentlichen Haushalte vor der Pleite zu retten) und die nationalen Märkte dichtmachten (um die „eigenen“ Industrien und Arbeitsplätze zu schützen), geschieht heute das genaue Gegenteil davon.
Die Leitzinsen greifen allerorts nach dem Boden (in einigen Ländern können sich Kreditinstitute bei Notenbanken bereits zu null Prozent Zinsen Geld leihen), von Protektionismus ist (vorerst) noch nicht viel zu sehen – und wirtschaftlich führende Staaten verschulden sich über beide Ohren, um Milliarden in die Wirtschaft zu pumpen und damit Nachfrage wie Arbeitsplätze zu sichern. Wir haben unseren John Maynard Keynes eben gründlich gelesen.
Knapp 60 Jahre nach dem Tod des in Europa glühend verehrten Ökonomen wird sich auch zeigen, ob er die richtigen Schlüsse aus der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre gezogen hat. Bislang war man in unseren Breitengraden ja schon entzückt, wenn der Staat in einer kleinen Schwächephasen eine Mrd. Euro mehr ausgegeben hat und sich die Wirtschaftsleistung dadurch – hokuspokus fidibus – ebenfalls um eine Mrd. Euro erhöhte (sogenannter Schönwetter-Keynesianismus).
Antworten von gestern für morgen
Ist in der ersten globalen Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren das Gegenteil von damals das Richtige für morgen? Wir wollen es hoffen – leider sieht es nicht danach aus. Obwohl die bedeutendsten Staaten dieser Welt nahezu simultan ein schuldenfinanziertes Konjunkturpaket nach dem anderen auf den Weg schicken, verdüstern sich die Prognosen stündlich. Das hat gleich mehrere Gründe:
•Erstens: Die wachsende Unsicherheit in der Bevölkerung wirkt wie Gift. Niemand vermag zu prognostizieren, was in den nächsten Monaten passieren wird. Selbst die Wirtschaftsforscher wissen derzeit so wenig wie wir alle – das allerdings auf höherem Niveau.
•Zweitens glauben die Menschen offenbar nicht, dass der Staat die drohende Rezession abwenden kann. Nicht zu Unrecht: Wenn alle großen Wirtschaftsblöcke dieser Welt zeitgleich in einen konjunkturellen Abschwung eintauchen und in diesem Moment auch noch von einer Finanz-, Immobilien-, Kredit- und Konsumkrise erfasst werden, können steigende Staatsausgaben der drohenden Rezession bestenfalls die Schärfe nehmen.
•Drittens gibt es die Krise nicht. Wir haben es vielmehr mit einer Krise zu tun, die viele Gesichter hat: Die USA stecken tief in einer Finanz-, Kredit-, Immobilien- und einer wohl länger dauernden Konsumkrise. Europa ist vorerst vor allem von einer heftigen Kreditkrise betroffen, während die Immobilienkrise noch auf Regionen (Spanien, Großbritannien, Osteuropa) beschränkt ist – und Japan sucht bereits seit knapp 15 Jahren vergeblich nach einem Ausweg aus der konjunkturellen Sackgasse.
•Viertens gehen die großen Wirtschaftsblöcke mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen in das neue Jahr. Europa lebt vom Export, die USA von der Binnenwirtschaft. Was hat ein deutscher Maschinenbauer, dem der Absatz in Osteuropa wegbricht, von staatlichen Milliardenspritzen für die Bauwirtschaft, die in den USA wiederum sinnvoll sein könnten?
Die US-Bürger sind schwer verschuldet, während die Europäer große Sparer sind. Die öffentliche Hand hat in den USA wiederum mehr finanziellen Spielraum als in Europa: Die „Staatsquote“ (Ausgaben des Staates in Relation zur jährlichen Wirtschaftsleistung) liegt in den Vereinigten Staaten bei knapp 37 Prozent, in Europa bei 47 Prozent des BIP. Die japanische Regierung steht finanziell wiederum mit dem Rücken zur Wand. Das Land hat – die keynesianische Doktrin streng befolgend – die Staatsverschuldung in nur 15 Jahren von 74 auf 180 (!) Prozent der Wirtschaftsleistung nach oben getrieben, ohne dadurch einen Weg aus der Stagnation zu finden.
Derselbe Hustensaft für alle
Der bereits mehrfach mutierte und in unterschiedlicher Intensität auftretende Virus wird also weltweit mit demselben Hustensaft bekämpft. Das wird nicht gut gehen. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück – ein überzeugter Sozialdemokrat – weiß auch, warum. Er umriss das Problem im August 2008 so: Mit Konjunkturprogrammen werde nur „Geld verbrannt“, so Steinbrück. In einem Interview mit einem deutschen Magazin erinnerte Steinbrück daran, wie das in den 70er- und 80er-Jahren gelaufen sei: „Die Schulden sind gestiegen, der Abschwung kam trotzdem.“ Die Wirkung des im abgestaubten Lehrbuch Keynes' entdeckten Rezepts ist also umstritten.
Was also tun, außer auf den Abschwung warten? Vor allem einmal sollten wir uns keine Hoffnungen machen, dass die auf den Schultern von John Maynard Keynes stehenden Staaten über eine künstlich erzeugte Nachfrage eine Rezession verhindern können. Das wird nicht funktionieren, das könnten nur die Bürger, vor allem die Unternehmer. Wir wissen, dass höhere Investitionen der Wirtschaft jedes staatliche Konjunkturprogramm in den Schatten stellen.
Über verstärkte Anreize, zu investieren und Unternehmen endlich mit der nötigen Liquidität zu versorgen, spricht derzeit allerdings kein Politiker. Wir machen eben nicht dieselben Fehler wie unsere Väter, die mit falschen Maßnahmen die Krise verschärften. Wir machen eben andere – zum Beispiel planlos Geld verbrennen, das uns noch dazu nicht gehört.
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)