Psychologie: Gehorsam bis zum Töten

Wiederholung des Milgram-Experiments zeigt, dass Autoritäten widerspruchslos gefolgt wird.

Würden Sie einem Menschen, dem Sie gerade zum ersten Mal begegnet sind, Schmerzen zufügen, bis er lauthals schreit? Oder gar – bis er verstummt? Würden Sie ihn töten, es zumindest in Kauf nehmen? Und das alles nur, weil Ihnen ein anderer Mensch, dem Sie gerade auch zum ersten Mal begegnet sind, das nahelegt bzw. Sie dazu treibt? Schütteln Sie nicht zu heftig den Kopf, mit hoher Wahrscheinlichkeit würden Sie es tun, würde ich es tun, würde jeder es tun. Das führte in den 60er-Jahren Stanley Milgram mit dem gespenstischsten aller Psycho-Experimente vor Augen.

Man warb Testpersonen an – gegen Geld – und erzählte ihnen, in dem Experiment solle geklärt werden, ob und wie weit Lernprozesse durch Bestrafen gefördert werden. Dabei gab es einen „Lehrer“ – die Testperson – und einen „Schüler“ (der gehörte in Wahrheit zum Milgrams Mitarbeitern, aber das wussten die Testpersonen nicht). Der „Schüler“ wurde in einem Raum vor den Augen des „Lehrers“ auf einem Stuhl festgeschnallt – „um wilde Bewegungen während des Experiments zu verhindern“ –, dann wurde ihm an einem Handgelenk eine Elektrode angebracht, die Haut wurde zuvor mit einer Paste eingerieben, „um guten Kontakt zu sichern und Verbrennungen zu vermeiden“. Zwischendurch fragte der „Schüler“, ob es wirklich ungefährlich sei, man habe bei ihm einen leichten Herzfehler diagnostiziert.

Mit all dem im Ohr wurde der „Lehrer“ in einen Nebenraum gebracht und vor einen Elektroschockgenerator gesetzt, mit dem sollte er den „Schüler“ bestrafen, wenn er beim Lernen – es ging um die Zuordnung verwandter Worte – einen Fehler machte. Die Strafe wurde von Mal zu Mal härter, sie begann bei einem 15-Volt-Stromstoß und steigerte sich bis 450 Volt (der „Schüler“ erhielt in Wahrheit keine Stromstöße, aber das wusste der „Lehrer“ nicht).

Bei 75 Volt drangen aus dem Nebenraum erste Schreie, bei 150 Volt wurden sie laut, er wolle heraus, schrie der „Schüler“, sein Herz! 82,5 Prozent der „Lehrer“ machten weiter, 79 Prozent von denen taten es auch dann, als es, bei 300 Volt, im Nebenzimmer stumm wurde? Warum taten sie es? Weil hinter ihnen einer im weißen Kittel saß – eine Autorität – und sie beim Zögern aufforderte, fortzufahren, auch das steigerte sich, von „Machen Sie bitte weiter“ bis „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen.“

Charakter spielt keine Rolle

Weil dieses Experiment für die Testpersonen zu viel war – manche brachen zusammen –, wurde es nie wiederholt, heute käme es an keiner Universität durch den Ethikrat. Aber in einer milderen Variante – „Milgram light“ – wurde es jetzt doch ausgeführt, von Jerry Burger (Santa Clara University): „Die Gehorsamsraten waren nur geringfügig geringer als damals“ (American Psychologist, 19.12.). Es gab auch – wie damals – keine Differenz zwischen den Geschlechtern, und es gab, das ist das Bitterste, keinen Unterschied zwischen Charakteren, es gäbe nun einmal Sadisten und Feinfühlige. Milgram war Sozialpsychologe, ihm ging es um das Zusammenspiel von Menschen, viele warfen ihm deshalb vor, er haben den individuellen Charakter nicht berücksichtigt. Burger hat es getan, er muss enttäuschen: „Die Macht der Situation unterdrückt alle persönlichen Regungen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)

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