Gute Zeiten für Typen wie Macbeth

Erfreulicher kann das Krisenjahr 2008 aus dramatischer Perspektive nicht enden.

Im Akademietheater wurde am Freitag im Finale des Shakespeare-Zyklus „Macbeth“ gegeben, die Tragödie mit dem größten Unterhaltungswert. Sie gilt als Katastrophe, Theaterleute fürchten sie, doch aus Sicht des Zuschauers bietet „Macbeth“ ein entschlossenes Sanierungsprogramm in unsicherer Zeit.

Dieser Thriller ist kein Junk-Bond, sondern „value for money“: zwei Festessen, drei Zaubertricks samt Geist, vier schräge Szenen mit seltsamen bärtigen Frauen inklusive Musik und Tanz und bewusstseinserweiternden Substanzen. Kaum hat man den Stoff inhaliert, sieht man prunkvolle Könige zuhauf. Gut, zuweilen gibt es Leichen, insgesamt elf – aber man bekommt das volle Programm in der kürzesten Tragödie des Meisters überhaupt, halb so lang wie „Hamlet“.

Ein synchroner Vergleich der beiden Dramen sei gestattet: Wenn Macduff am Ende des fünften Aktes nach zirka zwei Stunden mit dem abgeschlagenen Kopf Macbeths an der Rampe triumphiert, ist der stämmige Hamlet längst noch nicht fertig. Er wankt gerade erst am Schluss von Akt III durch ein Fegefeuer der Unentschlossenheit: „Mutter, Mutter, Mutter!“, stammelt der Typ, was immer das bedeuten soll. Zuvor hat er verabsäumt, den König zu meucheln. Der betet gerade reuevoll, und direkt in den Himmel will ihn Hamlet nicht schicken. Seine Kraft reicht da gerade noch, um den senilen Polonius zu erstechen. Ein Kollateralschaden ohne tiefere Bedeutung.

Wie anders agiert da Frau Macbeth! Die braucht keine Weissagungen, um zu wissen, was Sache ist. Die brächte es heutzutage bis ins Pentagon oder gar an die Wall Street. Wäre Hamlet ein edler Schotte, die zarte Ophelia seine zielgerichtete Lady, Königin Gertrude und ihr royaler Bettgenosse Claudius schafften es kaum in den zweiten Akt. (Hamlet wohl kaum in den dritten, denn Fortinbras ist dann doch der geschicktere Manager.)


Was können wir also, von der anhaltenden wirtschaftlichen Krise ermattet, aus dem Gründerzeit-Epos „Macbeth“ lernen?
?Der schottische Königsmarkt unterliegt einem ständigen Selbstreinigungsprozess. Das muss so sein. Sonst kann man mit dem ganzen Theater gleich Schluss machen und langweilige Sonette lesen. In der Krise braucht man Führungspersonal, das zupacken kann, ohne viel Zeit mit moralischen Bedenken zu verplempern.
?Prognosen, selbst die der weisesten Frauen, haben meist einen klein gedruckten Teil, den man garantiert zu spät begreift. Wie war das noch mit den todsicheren Spekulationen auf steigende Ölpreise?
?Am Schluss sind zwar fast alle interessanten Charaktere dort bei den Highlandern tot, aber immerhin hatten sie ein paar Jahre Spaß. Die besten Partys schmeißt Lady Macbeth.
?Nicht nur „speed kills“. Bei „Hamlet“ bleiben weit mehr Aktionäre auf der Strecke als bei „Macbeth“. Als dem von wittenbergschen Skrupeln verbildeten Prinzen der Geist des Vaters am Ende des ersten Aktes die unsauberen Bilanzen und faulen Kredite des Staates Dänemark vorgelegt hat, jammert er: „Die Zeit ist aus den Fugen.“ Da hat er einmal recht, und es wird dann sehr lange dauern, bis sich Hamlets Abrechnung als fataler Irrtum herausstellt.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)

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