Träumen trotzt Fantasy-Getöse

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Heinz Janisch, Autor und Radiojournalist, über den Vorteil von Patchworkfamilien, Kinderbücher als Proviant fürs Erwachsenwerden und warum in Fantasygeschichten die Hauptfiguren so oft Waisenkinder sind.

Die Presse: Sie haben in 20 Jahren 70 Bücher geschrieben, einige für Erwachsene, die meisten für Kinder. Wie schafft man es, sich auf dem überfluteten Kinderliteraturmarkt durchzusetzen? War der Anfang schwer?

Heinz Janisch: Ich habe Germanistik und Publizistik studiert. Das Geld fürs Studium habe ich mir selbst verdient und bin beim Verlag „St. Gabriel“ gelandet. Der hatte die Kinderzeitschrift „Weite Welt“. Chefredakteurin war Lene Mayer-Skumanz. Sie nahm mich zu Treffen mit ihren Freundinnen mit, das waren Mira Lobe, Käthe Recheis, Friedl Hofbauer, Renate Welsh, alles namhafte Kinderbuchautorinnen. Ich habe dann begonnen, für Anthologien zu schreiben. So bin ich reingerutscht. Der Markt hat sich stark verbreitert. Früher haben die Verlage im Frühjahr vier Titel gemacht, jetzt sind es 14. Bücher, die nicht funktionieren, sind nach ein, zwei Jahren wieder weg. Das finde ich schade, weil auch sehr gute dabei sind. In dieser Bücherflut geht eben vieles unter.

Kinder sehen fern, sitzen am Computer. Wer liest überhaupt diese vielen Bücher?

Janisch: In einer Bäckerei finde ich auch ein riesiges Angebot vor und gustiere: Will ich einen Punschkrapfen oder einen Kornspitz? Bei den Kindern hat sich viel verändert. Das stimmt. Wir hatten auch kein Handy, SMS. Das Tempo in der Kommunikation war ein völlig anderes. Meine Meinung ist aber: Kinder bleiben immer Kinder. Die großen Emotionen – der erste Zorn, Scheidung der Eltern, die erste Liebe –, die werden sich niemals ändern. Das Interesse für Bücher wechselt auch. Ich habe bis zehn, zwölf wahnsinnig gern gelesen, dann ein paar Jahre gar nicht, da wollte ich Fußballer werden, mit 17, 18 wieder sehr viel. Ich verstehe, dass Kinder am Computer spielen oder ins Kino gehen. Aber einmal kommt der Moment, wenn sie traurig sind oder verliebt, dann greifen sie zum Buch. Das ist der Proviant.

Viele Kinder leben heute in Patchworkfamilien. Überwiegen die Vor- oder die Nachteile?

Janisch: Auch ich lebe in einer Patchworkfamilie. Ich habe einen 28-jährigen Sohn – und lebe seit neun Jahren mit meiner Lebensgefährtin, deren Sohn jetzt 17 ist. Das war am Anfang nicht leicht. Wenn man wo neu dazukommt, ist erst einmal die Frage: Was will der? Was kann der? Wie viel Aufmerksamkeit der Mutter nimmt er mir weg? Heute bin ich froh, diese Erfahrung hat mein Leben bereichert – und ich denke, auch das von Fridolin. Er hat guten Kontakt zu seinem Vater und zu mir und daher zwei Männer, die auf ihn aufpassen. Ich glaube, generell kommt es drauf an, wie die Erwachsenen in so einer Situation miteinander umgehen. Kinder fühlen sich schuldig, wenn es Konflikte gibt. Wenn alle sich an einen Tisch setzen, Streit nicht über die Kinder austragen, dann hilft das sehr.

Sie machen viele Lesungen, Workshops in Schulen. Glauben Sie, gibt es mehr Gewalt, Mobbing? Was ist mit dem Markenwahn?

Janisch: Wir haben gerauft, ich hätte beinahe einen Pfeil ins Auge bekommen und bin am Marterpfahl vergessen worden. Ich sage jetzt nur, was ich erlebt habe. Der Druck in den Klassen, das Haben-Müssen ist sicher ganz schwierig. Heute werden die Kinder ausgelacht, wenn sie keine Markenschuhe haben. Ich bin damals vom Land gekommen, wir waren die G'scherten, die Dialekt geredet haben. Das war auch nicht einfach. Ich glaube, es gibt immer Gründe, warum man sich draußen fühlen kann.

Zum Beispiel, wenn man fremd ist in einer Stadt. Glauben Sie, dass eine ausländerfeindliche Generation heranwächst?

Janisch: Das hoffe ich nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass Kinder von Natur aus friedlich zusammenleben. Es gibt Schulen, wo sieben, acht Nationen in einer Klasse sitzen. Das sind völlig unterschiedliche Lebensgeschichten. Die einen sind auf der sicheren Seite, die anderen sind ganz neu ins Land gekommen. Mein Bruder, der an einer Hauptschule in Simmering Mathematik und Geografie unterrichtet, sagt immer, es ist oft schon mehr die Aufgabe, ein Gefüge in der Klasse herzustellen, als die Inhalte zu vermitteln. Andererseits, man kann auch etwas machen damit – zum Beispiel haben wir über mein Buch gesprochen „Das Kopftuch meiner Großmutter“, die stammt aus dem Südburgenland. Da war ein Mädchen, das hat gesagt, meine Großmutter in Bosnien hat genau dasselbe Kopftuch wie deine, und schon hat sich ein Gespräch über Kopftücher ergeben. Ich sehe das nicht so negativ. Diese Vermischung hat auch Vorteile.

Lesen Sie manchmal Fantasy? Mir fällt auf, dass es da ziemlich oft Waisen gibt.

Janisch: Das hat auch einen dramaturgischen Grund. Waisen erhöhen den Spielraum beim Schreiben. Wenn keine Eltern da sind, macht das eine Geschichte ganz weit auf. Ich lese gern fantastische Geschichten, z.B. Nils Holgersson, Alice hinter den Spiegeln. Was mir nicht gefällt: Fantasy, die stark mit Action gewürzt ist. „Herr der Ringe“, das ist mir zu viel Schlachtengetöse. Mir ist lieber, wenn jemand eine Reise macht, einen Schatz sucht. Vielleicht bin ich zu sehr Träumer, das gilt wohl für die meisten Autoren.

ZUR PERSON: H. JANISCH

In seinen Büchern schildert der gebürtige Südburgenländer (48) auch seine glückliche Kindheit. Sie ist stets präsent in seinem Haus in Güssing, wo Janisch schreibt. Halbtags ist er im Funkhaus beschäftigt, wo er „Menschenbilder“ gestaltet und das Radiokolleg moderiert (Ö1). Obwohl Janisch viele Preise bekommen hat, ist er froh, dass er von Büchern nicht leben muss. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2008)

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