Wien verträgt mehr Musik! Sie ist, die Nachfrage lehrt es in Zeiten wie diesen, ein Wirtschaftsfaktor.
Während allenthalben Veranstalter klagen, das Interesse an klassischer Musik sei rückläufig, solange nicht Spitzenkünstler, die mit sogenannten Cross-over-Produktionen Werbung für Mozart, Verdi & Co. machen, live in Erscheinung treten, können in Wien auch Kammermusik-Ensembles mit Zuspruch rechnen. Das Bedürfnis nach live musizierter Klassik führt offenkundig sogar viel mehr Menschen in die „Musikstadt“, als der reguläre „Betrieb“ bedienen kann. Mozart-Konzerte sind, omnipräsente Kundenkeiler und volle Auditorien lehren es, ein Magnet.
Doch feiert die Internationalität auch in ganz anderem Gewand fröhliche Urständ. Wenn demnächst wieder die Proben für das traditionelle philharmonische Neujahrskonzert beginnen, wird man sich vielleicht daran erinnern, dass seit vielen Jahren im Jänner am selben Ort ein „chinesisches Neujahrskonzert“ stattfindet, das via TV ein Publikum erreicht, das in die hunderten Millionen geht und in Wien hören lässt, was in der chinesischen Musik heutzutage en vogue ist – erstaunlicherweise ist da viel dabei, was von fernöstlichem Kolorit nur sanft überwuchert, doch im Kern in jenem Grenzbereich angesiedelt ist, den vor Jahrzehnten russische Emigranten wie Serge Rachmaninow in den USA abgesteckt haben.
Längst haben die Chinesen an ihren Wien-Gastspielen Gefallen gefunden – und präsentieren hier auch übers Jahr ihre Topsolisten. Unlängst etwa Wang Hong Wei, den derzeit wohl am meisten adorierten Tenor des Landes – er sang im Musikverein manches, was im Reich der Mitte heute die Klassik-Charts beherrscht, und könnte, so meinten viele Konzertbesucher, ebenso gut mit Verdi reüssieren.
Was unsereiner dabei kaum bedenkt: Auf solche Weise zementiert man weit im Osten der Ruf Wiens als musikalisches Zentrum. Solang nebenher Musikvereinsbesucher glücklich denselben Saal verlassen, nachdem die Soprane des Arnold Schönberg Chors unter Erwin Ortner in ihrer „Messias“-Aufführung glockenhell zu einer Stimme verschmolzen die Kraft von Georg Friedrich Händels Melodielinien beschworen haben, scheint die musikalische Welt doch noch nicht ganz in Unordnung geraten zu sein.
Und doch bleiben Fragen offen, etwa jene nach einer Kulturpolitik, die nicht sofort aktiv wird, wenn es einem Ensemble wie dem Radiosinfonieorchester an den Kragen geht, das eine klar definierte Position in der Infrastruktur dieser Musikstadt hat; oder jene nach einer musikalischen Nachwuchs- und Veranstaltungsförderung, die doch sicherstellen könnte, dass der enorme touristische Hunger nach klassischer Musik nicht mehrheitlich durch Perückenorchester befriedigt werden muss.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2008)