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Kritik: „Lustige Nibelungen“ - Lustig, doch nie gelungen

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)
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Oscar Straus' „lustige Nibelungen“ machen sich einen kabarettistischen Reim auf Alt-Deutschland. Nicht einmal von Robert Meyer zu bändigen!

Mit den Nibelungen ist es ein Kreuz. Ob versammelt zum vierzehnstündigen Musikdrama oder als Kabarett-Figuren in einer Operette von Oscar Straus – immer sind sie schwer verdaulich. Für die Produzenten jedenfalls, die sich im Falle der Operette, zu der Fritz Oliven, vulgo: Rideamus, den Text geliefert hat, mit mannigfaltigen Problemen konfrontiert sehen. Heute zumal, da – anders als zur Uraufführungszeit (1904 ging im Wiener Carltheater die Premiere über die Bühne) – die Lektüre der Nibelungen-Sage keineswegs mehr zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Zahlreiche Pointen, die der Bildungsbürger noch zumindest mit einem Lächeln quittierte, verpuffen heute unerkannt (oder werden vorsichtshalber gleich gestrichen).

Bleibt die dramaturgische Substanz eines frivolen Spielchens jenseits des literarischen Assoziations-Vergnügens. Die ist im Falle der „lustigen Nibelungen“ nicht eben reichhaltig. Doch kann sie einen Abend anspruchsloser Unterhaltung tragen. So viel hat Robert Meyer mit seiner Neuinszenierung bewiesen, die mit manch skurrilem Apercu geschmückt ist; zwei als Drachen verkleidete Möpse vor allem, die zum Gaudium des Publikums den ersten Auftritt Siegfrieds begleiten. Die Fürsorge hat sie als Waisen in des Helden Obhut gegeben, da er die Drachen-Mama erlegt hat; in dreitägigem Kampf, jeweils von acht bis acht, zwei Stunden Mittagspause inkludiert.

Die Sozialpolitik der vorvorigen Jahrhundertwende hat da abgefärbt. Allzu spärlich ist es den Arrangeuren des Wiener Neuversuchs gelungen, aktuelle Spitzen und Stiche in die Dialoge zu verweben, die der Befindlichkeit ein Jahrhundert danach Rechnung tragen würden.

Auch aus der Spannung, die dadurch entstehen könnte, dass man aus Brünnhild von Isenland eine Brünnhild „von Isarland“ gemacht hat, zog Meyer kaum Gewinn: Birgid Steinberger schimpft und flucht zwar aufs köstlichste im oberbayrischen Idiom. Doch außer, dass Michael Kraus als Gunther in Kaiser-Wilhelm-Maske agiert (und mit Wolfram-Stimme bemerkenswert schön singt), gewinnt die „preußische Seite“ kaum Profil. Lediglich dem Hagen von Lars Woldt gönnt die Regie ein paar prägnante Solo-Passagen. Die komödiantischen Talente von Kurt Schreibmayer, Regula Rosin oder Martina Dorak verkümmern jedoch in den Ensembles.

 

Unfreiwillige Parodie

Diese könnten zwar, träfe man musikalisch Straus' frechen Offenbach-Ton, der Musik Profil verleihen. Doch richtet da nicht einmal das routinierte Volksopern-Orchester viel aus, weil es Dirigent Andreas Schüller an Tempo und Verve fehlen lässt. Wie in der Inszenierung stehen in der Musik die Dinge, die geistvoll ineinander verwoben sein sollten, ziemlich naht- und ratlos nebeneinander. Der Mangel an musikalischer Qualität nimmt vor allem den Liedern und Duetten die Möglichkeit, dem szenischen Spiel ernsthafte vokale Gegengewichte zu bieten. Ein Liebesduett als Lohengrin-Persiflage will exzellent gesungen sein, wenn es seinen Sinn erfüllen soll. Klingen die Phrasen jedoch wie bei Siegfried (Robert Wörle) und Kriemhild (Renée Schüttengruber), dann geht die theatralische Farce in die Falle der unfreiwilligen musikalischen Parodie. Ein netter Abend, doch keine Ehrenrettung.

ZUM STÜCK

Einmal lustig sollten sie sein, als Oscar Straus und Kabarettist Rideamus die Nibelungen-Helden zu Operetten-Figuren machten. 1904 in Wien uraufgeführt, wurde das Stück, das nichts mit Wagners „Ring“ zu tun hat, nie populär. Robert Meyers Neu-Versuch: 29. 12. 08/2.,13., 20. & 30. 1. 09.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2008)