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Mumok: Kunst auf des Nadels Spitze

Jenni Tischers „Makings“ sind kleine Objekte, die an Webrahmen erinnern. Sie bestehen aus runden Glasscheiben, oft mit einem Loch in der Mitte, durch das Garne, Stoffe, Gewebe gewickelt werden.(c) Mumok
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Jenni Tischer hat den Baloise-Preis der Art Basel gewonnen. Sie zeigt nun in Wien ihr Werk rund um die Kunst des Nähens und legt sich mit den Vätern der Moderne an.

Die Nadel ist ein längliches, dünnes Werkzeug, mit dem man nähen, stopfen, Injektionen setzen oder Kunst machen kann. 1937 war die Nadel Titelgeber für ein Broadway-Musical, aufgeführt von Fabriksarbeiterinnen der Bekleidungsindustrie, die ihre eigene Arbeitssituation thematisierten. „Pins and Needles“ handelte von Frauenrechten und täglichem Überlebenskampf. „Pins“ nennt jetzt auch die 1979 in Deutschland geborene Künstlerin Jenni Tischer ihre Ausstellung im Mumok. Sie ist Preisträgerin des Baloise-Preises 2013. Der wird seit 1999 alljährlich auf der Art Basel vergeben. Eine fünfköpfige Jury sucht aus den Galerien der Messesektion Statements jeweils zwei junge Künstler aus, die dann 30.000 Schweizer Franken und eine Museumsausstellung erhalten. Die Liste der bisherigen Preisträger kann sich sehen lassen: 2012 war Simon Delly, 2009 Nina Canell, 2004 Tino Seghal, 1999 Matthew Ritchie nominiert.

Heuer gewann also Tischer, die noch ganz jung auf dem Kunstmarkt ist. Bis 2010 studierte sie an der Akademie in Wien, anschließend war sie Redakteurin bei der Berliner Kunstzeitung „Texte zur Kunst“. 2013 zeigte die Wiener Galerie Krobath einen kleinen Ausschnitt ihres Werkes. Im Mumok stellt sie jetzt einen „installativen Parcours“ aus, wie es im Katalog heißt.

Alles dreht sich hier um die Nadel als Gestaltungs- und Produktionsmittel. Ihr Thema ist das „Verhältnis zwischen ästhetischer und politischer Praxis“, wie es Kuratorin Manuela Ammer erklärt, die Rolle des Handwerks, aber auch die Frage von Produktionsbedingungen und Arbeitsprozessen in einer postindustriellen Welt, inklusive des eingangs erwähnten Musicals.

Betonung des Handwerks

Damit wird ein enormes Verweissystem aufgebaut, das man in den Arbeiten kaum findet. Was man sieht, sind Objekte in der Sprache des Minimalismus, die gespickt sind mit Nadeln. Das ist ein reizvolles Spiel mit der Kunstgeschichte, erzeugt Tischer so doch einen massiven Bruch mit der Formensprache der Väter der Moderne, die ja auf Assoziationsfreiheit und äußerste Reduktion setzten. Tischer dagegen behübscht die Abstraktion der Minimal Art. Sie wirbelt die Größenverhältnisse durcheinander und führt durch die Betonung des Handwerks die abstrakte Formensprache in den Alltag zurück. Da lässt sie aus einem Kubus ein Kissen herausdrängen, versieht ein Quadrat mit ornamentalem Nadelmuster, gibt ihren Objekten bestechend schöne Farben und sticht sogar eine Nadel quer durch ein Objekt – eine Anspielung auf Günther Uecker, den Meister der Nagelkunst? Wird hier die weibliche Tugend des Nähens mit der männlichen Freude am Hämmern kontrastiert?

Am deutlichsten wird Tischers Anspruch in den „Makings“ – die Baloise auch für das Mumok angekauft hat. Es sind kleine Objekte, die an Webrahmen erinnern. Sie bestehen aus runden Glasscheiben, oft mit einem Loch in der Mitte, durch das Garne, Stoffe, Gewebe gewickelt werden. In den „Makings“ erkundet Tischer Möglichkeiten, Verschiedenes zusammenzuflechten, von Materialien bis zu Verweisen. Dieses Verknüpfen überführt sie im Mumok mit ihren „Rollsockeln“ in den Raum. Quer durch den Raum spannt sie blaue und gelbe Bahnen aus Stoff oder Papier. In die flicht sie ihre Nadelobjekte und „Makings“ ein. Die „Rollsockel“ seien eine Referenz an das Stoffatelier Singer-Dicker (Wien, Berlin), lesen wir im Katalog. Anfang des 20. Jahrhunderts entwarf das Designatelier Verwandlungsmöbel: Durch Ausklappen, Ausziehen oder Stapeln konnte man die Möbel verändern, etwa beim Rolloauszugstisch von 1927. Die Tischplatte erinnerte an eine Schriftrolle und konnte an beiden Seiten ausgerollt werden.

Ob Jenni Tischers „Rollsockel“ eigenständige Skulpturen sind, als Sockel für die kleinen Objekte dienen, den Raum strukturieren oder Ausgangspunkte für weitergehende Diskurse sein sollen, bleibt offen. Auch die arbeitspolitischen Verweise und den Bezug zum eingangs erwähnten Musical sucht man darin vergeblich. Aber eines zeigen diese Raumelemente deutlich: Tischer verfügt über ein klares Formgefühl, weiß ihre Werke sehr gut im Raum zu inszenieren und beherrscht das Spiel mit den Größenverhältnissen perfekt. Ob er sich dann mit den sprachlich abgesteckten Verweisen darin befasst, ist letztendlich den Vorlieben des Betrachters überlassen.

Jenni Tischer, Pin, Mumok, bis 1. 2. 2015

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2014)