Seit Wochen bereiten sich die Dom-Mitarbeiter auf den Heiligen Abend vor. Der Dompfarrer Toni Faber nennt es „positive Spannung“, andere würden vielleicht sagen: Stress.
Maria und Josef kommen im braunen Umzugskarton. Der Esel steht schon. Es ist der Montag vor Weihnachten, Dom-Mesner Piotr Tyrybon ist gerade dabei, die Weihnachtskrippe vor dem Marienaltar im Stephansdom aufzubauen, arrangiert Schafe, streut Stroh in den kleinen Stall.
Hinter Tyrybon steht eine Gruppe japanischer Touristinnen in dicken Anoraks und hält den Aufbau der Weihnachtskrippe mit ihren Digitalkameras fest. Es ist kalt im Dom, fast so kalt, dass man seinen Atem in der Luft sehen kann, Tyrybon trägt trotzdem keine Jacke: Er friert nicht, bewegt sich ständig. Vor dem Krippenaufbau waren es die 70 Christbäume, die frühmorgens aus Melk geliefert wurden und von ihm, den anderen Mesnern und Domaufsehern in der Kirche aufgestellt wurden. Keine Frage: Der Countdown bis zum Heiligen Abend läuft auch hier im Dom.
Was man auch daran merkt, dass der Beginn einer Messe des Pariser Erzbischofs im Dom immer öfter zu hören ist. Als Klingelton. Am Handy des Sakristeidirektors Georg Rejda, der ständig quer durch den Dom eilt. Wann werden die Leuchter geputzt, wann die liturgischen Gewänder hergerichtet, wer poliert die Kirchenbänke? All das hat Rejda in den vergangenen Wochen koordiniert, der Pariser Erzbischof war dementsprechend oft zu hören. Langweilig ist Rejda und den Dom-Mitarbeitern nicht geworden. Der Dompfarrer Toni Faber nennt es „positive Spannung“, andere würden vielleicht sagen: Stress.
Natürlich auch am 24. Dezember selbst. Obwohl der Tag im Dom wie jeder andere beginnt. Ein Mesner öffnet um sechs Uhr das Riesentor, es folgt die Morgenmesse. Und die Touristen. Weniger zwar als an anderen Tagen, aber auch am Heiligen Abend ist der Dom vor dem Schicksal „Wiener Wahrzeichen“ nicht gefeit. Während die letzten Beichten abgenommen werden (Weihnachtszeit ist Beichtzeit), Dompfarrer Faber vormittags noch an den Worten für die Christmette feilt, finden im Dom die letzten Vorbereitungen statt. Bänke für die Kinder werden aufgestellt, um 15 Uhr feiert Faber die Kinder-Krippenandacht. An die 250 Kinder kommen mit ihren Eltern oder Großeltern. Als Geschenk bekommt jedes Kind eine Figur aus Olivenholz. „Hoffentlich“, sagt Faber, „hab ich genug gekauft.“ Danach folgt, was Faber eine „gefährliche Szene“ nennt.
Vor der Mette schließt der Dom
Während die Kinder den Dom verlassen, drängen gleichzeitig hunderte Besucher zur ersten Weihnachtsvesper um 16.30 Uhr in den Dom. Auch am Heiligen Abend, auch im Dom, geht es um die besten Sitzplätze. Kardinal Christoph Schönborn persönlich feiert die Vesper. „Erst dann“, sagt Sakristeidirektor Rejda, „ist Weihnachten.“ Zu dieser Zeit ist Faber nebenan in der Pfarrkanzlei beim „Weihnachtsfest der Einsamen“. Einsame Menschen, 100 bis 150, finden sich hier über den Abend verteilt ein. Faber trägt eine „Mundartpredigt“ vor („Ich beherrsche das Meidlinger ,l‘“) – und lässt Pizza servieren. Die spendet, seit Jahren schon, die Pizzeria DaCapo. Eine Tradition, die der neue Geschäftsführer fortsetzt, obwohl er Muslim ist, erzählt Faber.
Nach der Vesper, gegen 19 Uhr, wird das Riesentor des Doms abgesperrt – außer dem 31. Dezember (da aus Sicherheitsgründen) der einzige Tag im Jahr, an dem der Dom vor 23 Uhr schließt. Aus zwei Gründen: Zum einen lädt Faber die Curpriester zu einer kleinen Weihnachtsfeier in den Dom. Zum anderen will Rejda, wie er sagt, „noch eine kleine Reinigung“ vornehmen, Kerzen austauschen etwa. „Der Dom“, sagt er, „muss tipptopp sauber sein.“ Daher freut es ihn auch, dass Weihnachten in Wien heuer vermutlich nicht weiß wird. „Sonst tragen die Menschen den Matsch bis nach vorne zum Hochaltar.“ Ein gelbes „Achtung Rutschgefahr“-Schild steht trotzdem seit Tagen im Eingangsbereich des Doms.
Wenn um halb elf Uhr das traditionelle Turmblasen über dem Riesentor beginnt, kehrt Faber langsam von seinem Spaziergang zurück. Vor der Christmette geht er gerne durch die Stadt, um sich zu „vergegenwärtigen, wie viele fröhliche Gesichter es gibt, aber auch Menschen, die leiden und Sorgen haben“. Es sind schon lange Schlangen vor dem Dom, ehe das Tor um 23 Uhr wieder geöffnet wird.
Keine andere Messe in Wien, sagt Faber, sei so gut besucht wie die Christmette. Dank der günstigen U-Bahn-Anbindung kommen die Gläubigen aus ganz Wien. Beim Einzug „riecht man, dass der eine oder andere schon etwas getrunken hat“, sagt Faber lächelnd. 7000 Menschen werden dabei sein, wenn er die Mette zelebriert, das Jesuskind in die Krippe legt. Dort bleibt es es bis zum Dreikönigstag, ehe es wieder in den braunen Karton gepackt wird. Und im Depot auf Weihnachten wartet.
AUF EINEN BLICK
■Der 24. Dezember ist (außer dem 31.12.) der einzige Tag im Jahr, an dem der Stephansdom von 18 Uhr bis ca. 23 Uhr geschlossen ist. Der Grund: Der Dom wird vor Beginn der Christmette noch einmal geputzt. Keine andere Messe zieht so viele Besucher an (an die 7000) wie die Mette am Heiligen Abend in Österreichs bekanntester Kirche.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2008)