Russisches Roulette mit Onkel Wladimir

Herr Putin hat ein höchst erfrischendes Verständnis vom Begriff Partnerschaft.

Berichten heimische Unternehmer von Ausflügen nach Russland, ist üblicherweise folgende Geschichte zu hören: Um als „Westler“ einen Fuß in den russischen Markt setzen zu dürfen, brauche es nebst erstklassigen Leberwerten vor allem eine Engelsgeduld, um in nächtelangen Verhandlungen nicht die Nerven zu verlieren. Wer dieses Prozedere überlebt, darf sich allerdings auf eine dauerhafte Partnerschaft freuen – die Russen stehen nämlich in dem Ruf, verlässliche Vertragspartner zu sein.

Dabei dürfte es sich um ein Missverständnis handeln. Der Gaslieferant Russland hat nämlich gerade über Premierminister Wladimir Putin ausrichten lassen, dass die Zeiten des „billigen Gases“ vorbei seien. Die Förderung werde immer kostspieliger, weshalb Erdgas teuer bleiben werde. So was aber auch. Interessant ist vor allem der Zeitpunkt dieser Erkenntnis. Denn die Gaspreise folgen mit einigen Monaten Verzögerung jenen von Erdöl – und Erdöl ist seit dem Sommer um mehr als 70 Prozent billiger geworden.

Die Gaspreise haben freilich weniger mit den Förderkosten zu tun als mit dem Finanzbedarf des Kreml. Russland kann als weitaus größter Lieferant Europas den Gaspreis diktieren und diesen notfalls auch an den Krawattenpreis binden, wenn Herrn Putin danach sein sollte. Wir könnten nichts dagegen tun. Zu sehr haben wir uns in die Abhängigkeit eines Lieferanten begeben, der eine ziemlich komische Vorstellung von Partnerschaft hat. Ein teures Missverständnis. (Bericht: S. 23)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2008)

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