Die Betriebe jammern über Probleme bei der Kreditaufnahme, die Darlehenskriterien wurden stark verschärft. Wie groß sind die Auswirkungen auf die Wirtschaft aber wirklich?
Es gibt kein Geld. So lautet der Vorwurf, der in der Wirtschaft seit Wochen gegenüber den Banken erhoben wird. Diese würden – trotz staatlicher Garantien und Bankenhilfspaket – ihr Geld lieber horten oder niedrig verzinst bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken, als es den Unternehmen zu geben. Dadurch würden Investitionen gebremst und sogar grundsätzlich gesunde Unternehmen über den Abgrund gestoßen werden.
Diese Vorwürfe können mit Fakten untermauert werden. So sind die Einlagen der europäischen Geschäftsbanken bei der EZB seit dem Ausbruch der Krise von etwa 20 auf rund 300 Mrd. Euro angestiegen. Demnach wird einerseits Geld aus dem Wirtschaftskreislauf herausgenommen oder frisches Geld, das Staaten und Notenbanken zur Verfügung gestellt haben, nicht hineingebracht.
Genauere Prüfung
Wie groß sind die Auswirkungen auf die Wirtschaft aber wirklich? Die Banken beteuern, dass sie ihren Verpflichtungen einer angemessenen Versorgung der Wirtschaft mit Kapital nachkommen. Die Wirtschaftskammer hat zu diesem Thema vor Kurzem eine Umfrage durchgeführt. Demnach sagen 16 Prozent der heimischen Unternehmen, dass sich die Situation bei der Kreditaufnahme verschlechtert hat, nur ein Prozent schätzt die Situation besser ein.
„Grundsätzlich ist es so, dass die Finanzierung nicht einwandfrei funktioniert“, sagt Ralf Kronberger von der Wirtschaftskammer. Eine richtige Kreditklemme – bei der großflächig Kredite nicht mehr verfügbar seien – gebe es zwar nicht. Die Voraussetzungen, einen Kredit zu erhalten, seien jedoch schwieriger und die Kredite teurer geworden. Dies wird auch von der Studie bestätigt. Jede fünfte Firma sagt demnach, dass die Banken mehr Sicherheiten und auch genauere Geschäftszahlen verlangen. Sieben Prozent der Unternehmen gaben jedoch an, dass sie überhaupt Probleme haben, einen Kredit zu erhalten. Ob die Zahl dieser Unternehmen zuletzt gestiegen ist, lässt sich jedoch nicht fundiert sagen – diese Art der Umfrage wurde nämlich das erste Mal durchgeführt.
Bei der Wirtschaftskammer Wien hat man nun eine Hotline für kleine und mittlere Unternehmen eingerichtet, die angesichts der Krise Probleme haben, einen Kredit zu erhalten. Die Firmen, die sich dabei gemeldet haben, hatten meist jedoch bereits vor der Finanzkrise wirtschaftliche Probleme, sagt Wolfgang Pettighofer, der für die Hotline verantwortlich ist: „Wenn ein gesundes Unternehmen einen Kredit über 50.000Euro braucht, dann erhält es diesen auch.“ Seiner Meinung nach gibt es zwar eine allgemeine Stimmung einer Kreditklemme, aber kaum konkrete Fälle von Unternehmen, die kein Geld erhalten.
Ein Grund für den geringeren Geldumlauf könnte somit auch sein, dass die Nachfrage gesunken ist. Laut Studie wollen nur 70 Prozent der Firmen ihre geplanten Investitionen in nächster Zeit auch umsetzen. Der Rest will sie zumindest aufschieben oder zu acht Prozent gänzlich absagen.
Verärgerung in der Industrie
In der Industrie ist starke Verärgerung über das Vorgehen der Banken spürbar. Allerdings nicht, weil kein Kredit mehr zu bekommen wäre. Sondern weil die Banken viel pingeliger geworden sind: Prüfungen seien schärfer und dauern viel länger, heißt es. Das verzögere Investitionen unnötig. Zudem seien Kredite beträchtlich teurer.
Was freilich damit zusammenhängt, dass sich zumindest aus Sicht der Banken durch die Krise die Bonität vieler Industriebetriebe verschlechtert hat. Denn der Interbanken-Zinssatz Euribor, der vielfach als Basis für die Fixierung von Kreditzinsen genommen wird, ist im Einklang mit den Leitzinsen der Notenbanken stark heruntergekommen (siehe Grafik). „Wir hoffen, dass sich die Kreditversorgung bessert, wenn endlich das Bankenpaket des Bundes wirksam wird“, sagte ein Sprecher der Industriellenvereinigung.
Ganz traut die Wirtschaft den Banken offenbar nicht: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat eine genaue „Beobachtung“ der Kreditvergabepraxis der Banken angekündigt. Und die Industrie will jetzt auch Staatsgarantien für Unternehmensanleihen. Diese seien derzeit praktisch nicht mehr zu platzieren, weil der Markt durch de facto staatsgarantierte Bankenanleihen leergefegt werde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2008)