Do, ut des!

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Auch Orang-Utans tauschen Geschenke auf der Basis von Berechnung: Sie kalkulieren auf Reziprozität.

Wenn unter dem Baum die Gaben getauscht werden, dann spielt bei aller Liebe auch die banale Ökonomie mit. Wer da gibt, dem soll gegeben werden, und zwar reziprok: Gabe und Gegengabe sollen in etwa den gleichen Wert haben (in Relation zu den ökonomischen Möglichkeiten der Partner), aber der muss nicht direkt im Tauschakt realisiert werden, der Ausgleich kann verschoben werden. Deshalb wird er kalkuliert: Hat der A den B im Vorjahr überreich beschenkt, wird es ihm jetzt vergolten, während der C, der seit Jahren überhaupt nichts bringt, endlich ganz leer ausgeht, und die D, die ausstudiert hat, nur so überschüttet wird, auf dass sie sich im nächsten Jahr daran erinnere.

So funktioniert – im Idealfall, ohne Trittbrettfahrer – das Fest, so funktioniert der Handel, so funktioniert die Gesellschaft. Die der Menschen. Aber wir sind nicht die einzigen animalia socialia, viele andere sind es auch, und viele tauschen auch, etwa Dienste, viele kraulen einander. Auch das geht reziprok, aber es ist keine Kalkulation dabei, die sich an Vergangenes erinnert und auf die Zukunft spekuliert und beides mit der Gegenwart verrechnet. Das ist bei Affen umso erstaunlicher, als sie die Voraussetzungen haben: Sie können sich an frühere Interaktionen erinnern, sie können mit Geduld auf Belohnung warten, sie geben auch (Futter) ab, meist bekommen sie nichts dafür.

Außer wenn sie mit Menschen tauschen, die sich Experimente ausdenken: Valerie Dufour (University of St. Andrews) hat eines mit zwei Orang-Utans durchgeführt. Bim, ein 26-jähriges Männchen, und Dok, ein 15-jähriges Weibchen, wurden erst darauf trainiert, dass es drei Arten von „Spielmarken“ gibt: Mit den einen (a) konnten sie bei der Experimentatorin Futter eintauschen; mit den anderen (b) konnten sie selbst nichts eintauschen, aber der andere Orang-Utan konnte es; die dritten (c) waren wertlos. Dann kamen die Tiere in einen Raum, der in der Mitte durch ein Gitter getrennt war: Sie konnten einander sehen, sie konnten einander Spielmarken reichen oder sie so nahe auf ihrer Seite an das Gitter legen, dass die/der andere es ergreifen konnte.

Die beiden begriffen rasch, dass ihr b – beide hatten eine andere Variante – für den anderen von Wert war, und umwegig für sie selbst. Erst machten sie die/den anderen darauf aufmerksam – vor allem Bim deutete auf das, was Dok ihm reichen sollte –, und zunächst war es auch nicht reziprok, aber von Runde zu Runde spielte es sich besser ein, am Ende tauschten sie gerecht hin und her, „auf der Basis kalkulierter Reziprozität“, erklärt Dufour (Biology Letters, 23.12.).

Reine Freude am Schenken

Eines aber kann sie nicht erklären: Orang-Utans sind nicht sehr sozial, sie leben meist alleine. „Aber nicht immer, junge Tiere spielen miteinander, wenn sie einander begegnen, und in Gefangenschaft werden sie sozial“, berichtet Dufour der „Presse“: „Man vermutet, dass sie früher sozialer waren.“ Allerdings wohl nie so wie andere Affen: Kapuzineräffchen geben einander auch Dinge ab, aber ohne Kalkül, ohne Erwartung von Gegenleistung, einfach aus Freude. Aus der Freude, die sie überkommt, wenn sie sehen, dass der Beschenkte sich freut. Das soll es bisweilen auch unter dem Baum geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2008)

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