Eine junge Frau war Teil einer Revolution. Sie glaubt, ihr Anteil sei nichtig.
Ich bin ein Niemand. Ich bin nicht von Interesse. Meine Geschichte ist keine besondere. Ich weiß nicht, wieso du immer nach dem fragst, was ich erlebt hab. Als hätte es eine Bedeutung. Geh doch in den „Lesesaal Xanana Gusmão“, dort gibt es eine Menge Bücher über unseren Unabhängigkeitskampf. Oder im „Instituto Camões“. Dort findest du alles über die Kolonialzeit, darüber, wie sich die Portugiesen 1975 endlich zurückgezogen haben. Ich selbst kann mich nicht an die portugiesische Epoche erinnern, ich war damals drei.
Die erste Unabhängigkeit dauerte nur neun Tage, dann marschierte das indonesische Militär ein, löschte Timor-Leste von der Landkarte, machte uns zur Provinz „Timor Timur“. Dann die 24-jährige Besatzung. Über die 200.000 Opfer der indonesischen Zeit kannst du in den Bibliotheken lesen.
In Timor-Leste hat jeder zumindest ein Opfer in der Familie. Das ist Normalität. Ich weiß nicht, wieso du immer so skeptisch fragst, ob wir persönlich was gegen die Indonesier haben. Du wünschst dir das vielleicht. Aber es ist gar nicht so. Wir können recht gut unterscheiden zwischen jenen Milizen, die Verbrechen begangen haben, und den restlichen Indonesiern. Wieso sollten wir was gegen die normalen Leute haben? Meine Generation ist die indonesische Generation, wir wuchsen mit dieser Sprache und Kultur auf.
Außerdem hat mir Indonesien das Leben gerettet. Vor den Unruhen 1999 lebte ich auf Java, weil ich dort studierte. Am 30. August war ich aber in Dili, um am Referendum für unsere Unabhängigkeit teilzunehmen. Wir gewannen mit 78 Prozent. Das indonesische Militär zog sich nun zwar zurück, aber sie begannen, planmäßig die gesamte Infrastruktur des Landes zu zerstören und wahllos Menschen zu ermorden. Dili brannte. Ich hatte damals schon länger im Widerstand mitgearbeitet, aber ich war ein kleines Rädchen. Trotzdem war die Situation nicht ungefährlich.
Am 1. September wollte ich ausreisen, auf dem Landweg nach West-Timor. Ich wollte von dort nach Jakarta fliegen. Doch die Milizen ließen uns nicht durch. Unseren Fahrer haben sie ins Gesicht geschlagen, bis er blutete. Damals hatte ich erstmals persönlich mit Gewalt zu tun. Wir brachen die Reise ab, um den Fahrer ins Krankenhaus zu bringen.
Ich hab es am 4. September geschafft, auf eigene Faust nach Jakarta auszureisen. Erst von dort rief ich meine Eltern an und sagte ihnen, ich sei bereits in Jakarta. Sie gratulierten mir, sie waren erleichtert. Zum Glück überlebten auch sie die Unruhen.
Immer, wenn mich mein Vater in Jakarta besuchte, musste ich die Materialien der Timor-Leste-Freiheitsbewegungen verstecken. Ich war zwar ein Niemand, aber ich war eben dabei. Später, lange nach der Unabhängigkeit, erzählte ich meinen Eltern von den Aktivitäten. Sie waren überhaupt nicht stolz. Mein Vater hat mich gefragt, ob ich verrückt bin.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, Bestellungen online oder per Fax: 01/51414277