Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren erschien sein „Origin of Spe- cies“. Damit war die Schöpfung außer Kraft und ihre Krone vom Thron. Eine doppelte Kränkung.
So geht aus dem Kampfe der Natur,aus Hunger und Tod unmittelbar die Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen, oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch entwickelt.“
Mit diesen Sätzen – die so beiläufig auf die Revolution der Astronomen anspielen und sie überbieten – beendete Charles Darwin 1859 die „Entstehung der Arten“. Allerdings nur in der ersten deutschen Übersetzung durch Dr. H. Bronn. Das Original klingt kräftiger – da wird nichts von „grossartiger Ansicht“ gewahrlicht, „there is grandeur in
this view“ –, aber auch schlanker, kein Wort von einem „Schöpfer“, darin liegt ja die Grandeur. Den Schöpfer hat Bronn aus der zweiten Auflage des „Origin of Species“, dort taucht er auf, als Palliativ; aber der Übersetzer lässt sich nicht einlullen, er rechnet mit dem Ketzer ab und fügt Darwins 14 Kapiteln ein eigenes „15. Capitel“ an: „Wir vermö-
gen nicht, die Darwin- sche Theorie anzunehmen. Daher scheint esuns konsequenter, aufdem alten naturwis-
senschaftlich haltlosenStandorte zu beharren“und die „Schöpfung“durch „Wunder“ zu erklären. In der ersten Runde ging das noch mit so schlichten Mitteln, später kamen gröbere Bandagen: „Wir jubeln alle wie kleine Kinder über den Anschluss“, schrieb Konrad Lorenz am 26. März 1938 an einen deutschenBekannten: „Für Wissenschaftler ist es eine Erlösung, nun zu dem großen Deutschland zu gehören statt zu dem verdammten Jesuitengesindel“. Das hatte (dem) Darwinisten das Leben sauer gemacht, später erinnerte er sich so: „Der Biologieunterricht wurde in der Mittelschule auf ein lächerliches Minimum verkürzt, Stammesgeschichte durfte nicht erwähnt werden“, und mit Lorenz' Karriere ging es auch nicht voran. Nun war es so weit, die Nazis hatten nichts gegen Darwin. (Sie hatten auch nichts für ihn, und er hatte schon gar nichts für sie, ich komme darauf.)
Aber die Kommunisten: Im gleichen Jahr 1938 wurde in Moskau Troffim Denissowitsch Lyssenko Präsident der Lenin-Akademie für Landwirtschaftswissenschaften, nun waren die Darwinisten in der Sowjetunion ihres Lebens nicht mehr sicher, Lyssenko trieb viele aus den Labors, manche in den Gulag und den Tod. Er hatte ganz eigene Vorstellungen von der Biologie, vor allem der der Nutzpflanzen: Man konnte sie erziehen, ihnen – durch Manipulation ihrer Umwelt – erwünschte Eigenschaften beibringen, die sie dann vererbten. Und schon gediehen sie, wo sie zuvor nie gediehen waren, in Wüsten, in der Kälte. Das passte zur herrschenden politischen Lehre, die Pflanzen hielten sich weniger daran, Lyssenkos Saat, die bald breit auf die Äcker kam, verschärfte den Hunger. Und die einst große russische Biologie war auf Jahrzehnte erledigt.
So war zwischen die Mühlsteine der Machtgeraten, was 1832 im schwankenden Gemüt eines 23-Jährigen begann, der nicht so recht wusste, was er aus seinem Leben machen sollte. Auf Wunsch seinesVaters hatte er ein Medizinstudium begonnen –und abgebrochen. Dann ein Theologiestudium, inCambridge, das schlosser ab, aber Landpfarrerwollte er auch nicht werden, er hatte andere Interessen, schon als Kind hatte er nach eigener Erinnerung einen gut entwickelten „Sinn für Naturgeschichte, insbesondere für das Sammeln“ – „alle Arten von Dingen, Muscheln, Münzen und Mineralien“ –, und in Cambridge bereitete ihm „nichts so viel Vergnügen wie das Sammeln von Käfern“. Er sammelte auch breites Wissen, las viel, schrieb viel, zunächst Briefe: „Jeder hat gedacht, dass 6000 Jahre gerade die rechte Zeitspanne gewesen wären. Aber Sir John denkt, dass viel mehr Zeit vergangen sein muss, seit die chinesischen und die europäischen Sprachen sich von einem Bestand getrennt haben.“ Sir John, das war John Herschel, der vermutete, dass alle Sprachen aus einer Ursprache hervorgegangen waren, Darwinnahm die Idee auf, er formulierte später, die Bildung von Sprachen und Arten laufe „seltsam parallel“. Und die 6000 Jahre? Das waren die, die kirchenamtlich seit dem Schöpfungstag verstrichen sind: Den hatte James Ussher, Erzbischof von Irland, anno 1650 auf den 23. Oktober 4004 vor Christus datiert, er stützte sich auf die Stammbäume des Alten Testaments, die Bibel wurde wörtlich genommen, lange noch, auch vom jungen Darwin. Die Matrosen der „Beagle“ verspotteten ihn dafür, anderen gingen beim Anblick seines Schädels die Augen über: eine „Beule der Ehrfurcht, entwickelt genug für zehn Priester“, diagnostizierten Phrenologen.
Das sind die, die den Charakter aus der Form der Knochen lesen wollen, auch RobertFitzRoy, der Kapitän der „Beagle“, glaubte daran: Die Nase des Kandidaten für die Stelle eines Naturforschers an Bord gefiel ihm nicht – zu wenig Willenskraft! –, er nahm ihn doch. Am 27. Dezember 1831 geht die Reise nach Südamerika los – das Schiff soll die Küsten vermessen –, am 2. Oktober 1836 ist sie zu Ende, Darwin ist nicht mehr der Alte beziehungsweise Junge, seinem Vater fällt es auf: „Die Form seines Schädels hat sich ziemlich verändert.“
Der Vater, Arzt und Freidenker, der nichts von Phrenologie hielt, muss tief geblickt haben. „Der Reise habe ich die erste wirkliche Erziehung meines Geistes zu danken. Meine Beobachtungsgabe wurde gestärkt. Aber die Erkundung der Geologie der besuchten Orte war viel wichtiger.“ Geologie? Geologie! Darwin vertiefte sich an Bord in die „Principles of Geology“ von Charles Lyell, der der Gesteinskunde ein neues Fundament gegeben hatte. Dass die Erde selbst eine Geschichte hat, hatte 1660 Steno bemerkt, es war ein Umbruch, der sich mit dem von Kopernikus/Galilei messen konnte, Steno nahm den Menschen aus dem Mittelpunkt der Zeit, wie jene ihn aus dem des Raums genommen hatten. Aber die Erdgeschichte blieb lange im Rahmen der 6000 Jahre: Man erklärte die Vielfalt der Schichtungen und Fossilien mit abrupten Brüchen, Sintfluten et cetera. Für Lyell ging es graduell, nicht in Tausenden Jahren, in Millionen. Solche Stein gewordenen Entwicklungen bekam Darwin in Südamerika genug zu sehen, ihrer Beobachtung widmet er die meiste Zeit, „meine Geologie versetzt mich in gehobene Stimmung“, bisweilen auch in getrübte, er hört von einem Konkurrenten und fürchtet, dass der „vor mir den Rahm aller guten Dinge abschöpft“. Die Sorge erweist sich als unbegründet, „ich werde das Feld ungehindert betreten“, jubelt er, bricht die Emphase aber mit einem Nachsatz über den „angenehmen Reiz der Eitelkeit“. Den darf er bald genießen, er erwirbt mit einer geologischen Arbeit ersten Ruhm, er kann die Entstehung von Korallenriffen erklären.
Und die Biologie? Die Ikone der Reise und der Evolutionstheorie, Galapagos, die Finken? Mit all dem ist es (zunächst) nicht weit her. Zwar sammelt und sammelt Darwin weiter, auch auf den Galapagos, Vögel sonder Zahl und Art: Finken, Amseln, Zaunkönige. Aber er ist (noch) ein schlechter Biologe, bestimmt die Vögel falsch. Erst nach seiner Rückkehr geraten sie dem Ornithologen JohnGould in die Hände, der bemerkt, dass sie allesamt Finken sind, er bemerkt es gerade rechtzeitig vor der Drucklegung von Darwins Reisebericht, in den rasch noch eine Passage eingearbeitet werden kann: „Man möchte wirklich damit liebäugeln, dass eine Art auf das Archipel gekommen war und sich dort in verschiedene Richtungen modifiziert hatte. Es wäre wohl wert zu untersuchen, ob dadurch die Stabilität der Arten in Frage gestellt wird.“
Das hatte schon einmal einer getan, Jean Baptiste de Lamarck. Er veröffentlichte 1809 – im Geburtsjahr Darwins – die „Philosophie zoologique“, in der sich alles Leben aus niedereren in höhere Formen entwickelt, und zwar dadurch, dass die einzelnen Lebensformen sich aktiv an ihre Umwelten anpassen und die dabei erworbenen Eigenschaften vererben, Exempel waren die Giraffe und der Schmied. Erstere reckte ihren Hals, um an Blätter zu kommen, der Sohn des Letzteren hat bei der Geburt schon kräftige Arme. „Lamarck ist der Einzige von den gewissenhaften Beschreibern der Arten, welcher nicht an unwandelbare Spezies glaubt“, schreibt Darwin am 10. September 1845 an Joseph Dalton Hooker, Botaniker und Freund, dem er ein Jahr zuvor schon anvertraut hatte, er sei „überzeugt, dass die Species nicht unveränderlich sind (mir ist, als gestände ich einen Mord)“.
In diesem Brief deutet er auch seine Differenz zu Lamarck an – es sei „Unsinn“, die Entwicklung auf den „Willen der Tiere“ und ihre „Neigung zum Fortschritt“ zurückzuführen –, mehr gibt er nicht preis, obwohl er zu dieser Zeit, 1844, seine eigene Theorie fertig hat. Das Manuskript liegt in der Schublade, Darwin – er ist keine 35, aber oft krank, echt („mein Magen“) und eingebildet („ich Hypochonder“) – verfasst eigens dafür ein Testament: 400 Pfund liegen für die Publikation bereit, seine Frau möge es übernehmen.
Mit der und einer wachsenden Kinderschar lebt er seit 1842 auf dem Land, in Downe, „zwei Reisestunden von London Bridge“. „Das wird den Rest meines Lebens meine Adresse sein“, schreibt er 1843, er meint es ernst, eine große Reise unternimmt er nie mehr, er sammelt auch nicht mehr. Er lässt sammeln, über ein erdumspannendes Korrespondentennetz, kein Brief ohne Order:Vom einen will er Entenmuscheln, vom anderen Eidechseneier, vom Dritten Weißfischebeziehungsweise deren Mägen: „Haben Sie welche oder könnten sie welche mit dem Netz fangen und ihrer Küchenmagd sagen, sie möge sie ausnehmen, und könnten Sie mir den ganzen Magen schicken?“
„Ich habe die ungute Veranlagung, Menschen auszunutzen“, gesteht er einem Vierten – bevor er ihm mit der nächsten Bitte kommt –, aber er ist auch nicht faul, experimentiert, präpariert Katzenskelette, züchtet Tauben. Bisweilen wird es ihm selbst zu viel, „die Arbeit an meinem ewigen Buch über dieArten droht mich zu überwältigen“, „ich sehe kein Ende“. Die Freunde und Mentoren – Lyell und Hooker – sehen auch keines, sie werden Mitte der 1850er-Jahre ungeduldig, er möge endlich publizieren, es liege etwas in der Luft. Er riecht es nicht.
Bis es ihn „zerschmettert“. Im Juni 1858 erhält er einen Brief von Alexander Russell Wallace, das ist ein anderer Autodidakt – und seitKindheit „begeisterter Käferjäger“ –, der in Neuguinea forscht. Beigelegt ist ein Manuskript mit einer Theorie über die Entstehung der Arten, nein, mit seiner Theorie über die Entstehung der Arten: „Nie habe ich eine überraschendere Koinzidenz gesehen“, das Manuskript stimmt „auch im Wortlaut erstaunlich genau mit meinem überein“. Jetzt wird er hektisch, das Lebenswerk ist gefährdet, seit 1844 liegt sein Manuskript in der Schublade, aber eben nur dort, das von Wallace ist in der Welt (fast: noch hat es nur Darwin). Lyell und Hooker finden einen Ausweg: Parallelpublikation.
Am 1. Juli 1858 werden in der Linnean Society of London, in Abwesenheit der Autoren,die Manuskripte verlesen. Was in Darwins Reisebericht noch „das Rätsel der Rätsel“ war – „das erste Erscheinen neuer Lebewesen auf dieser Erde“ –, ist geklärt: Die Entstehung der Arten hat einen Mechanismus – jedes Individuum hat bei der Geburt kleine, ganz zufällige Besonderheiten („Variation“), die sich in der Umwelt bewähren oder nicht („Selektion“) und im Fall der Bewährung an die nächste Generation gehen –, und sie hat eine Triebkraft: „struggle for life“.
Den Begriff haben beide, Darwin wie Wallace, von Thomas Malthus, dem Nationalökonomen, der bilanzierte, dass das Wachstum der Bevölkerung das der Ressourcen übersteigt und durchHungersnöte gebremstwird, sofern nicht neue Ressourcen erschlossen werden können. Exaktdiese Spannung zwischen Überfluss (an Leben) und Mangel (anRessourcen) sehen Darwin und Wallace auch in der belebten Natur. Aber ausgetragen wird sienicht etwa dadurch, dassman über seinen Nachbarn herfällt, weil man sein Hab und Gut will oder weil einem seine Nase nicht passt – oder beides –, und es geht schon gar nicht darum, dass dieses „man“ irgendeine biologisch-soziale Einheit ist, eine Art oder Rasse, die sich erhalten will. Sondern darum, dass jedes Individuum jeder Art in eine Welt geboren wird, in die zugleich (zu) viele andere geboren werden – und dass nur die überleben, die entweder am besten auf ihre Umwelt eingestellt sind oder ganz neue Umwelten erschließen, Wüsten besiedeln, sich in die Lüfte erheben et cetera. Haben sie Erfolg, ist eine neue Art gegründet.
So kommen (und gehen) Arten, die Entwicklung läuft blind. Aus ihr Handlungsanweisungen/legitimationen abzudestillieren – etwa ein „Recht des Stärkeren“ – wäre Darwin nie eingefallen, der sogenannte „Sozialdarwinismus“ hat seinen Namen gestohlen. Er selbst gibt nicht mehr her als Variation/Selektion – von Individuen – unter dem Druck von Überfluss/Mangel.
Das ist alles? Dafür ist er so lange Jahre gesessen? Das ist alles, so schlicht läuft die Evolution, so überwältigend schlicht, dass sich auch Darwins Gehirn sträubt: „Sich vorzustellen, dass das Auge sich durch natürliche Selektion geformt haben könnte, scheint, ichgestehe es freimütig, absurd im höchstmöglichen Grad“, formuliert er im „Ursprung der Arten“. Aber es scheint nur so. Wenn man genügend Übergangsformen vom Einfachen zum Komplexen annimmt, stehen der Vorstellung „keine wesentliche Schwierigkeiten entgegen“: Alle Augen haben sich aus einem „Ur-Auge“ entwickelt.
Das ging auch Anhängern zu weit, nicht alle hatten Darwins freien Geist. Vor allem den Kodifizierern, die im 20. Jahrhundert die „Neue Synthese“ festschrieben, mangelte er, sie postulierten mehrfache Entwicklungen von Augen. Aber in den 1990er-Jahren fand sich das Ur-Auge. Respektive sein Gen. So ging es in vielen Fragen, doch Darwin hatte nicht nur Fantasie, er plagte sich auch mit dem Zusammenraffen der Fundamente, das ist der eine Grund für die langen Jahre. Der zweite liegt darin, dass er weder naiv noch rauflustig war: „Sie fragen, ob ich den Menschen in meine Erörterung mit einbeziehen werde“, schrieb er 1857 in einem Brief: „Ich glaube, ich werde dieses ganze Kapitel meiden, da es mit so vielen Vorurteilen behaftet ist.“ Als er es nicht mehr mied, 1871 im „Descent of Man“, schlugen die Wellen hoch, die Karikaturisten bekamen zu tun – Darwin als Affe in vielen Variationen –, die Prediger auch. Darwin hielt sich in der Öffentlichkeit zurück und schickte Thomas Henry Huxley in die Gefechte, auch in das legendäre mit Samuel Wilberforce, dem Bischof von Oxford, vor 1000 Zuhörern am 30. Juni 1860. „Stammen Sie von Ihrer großmütterlichen oder Ihrer großväterlichen Seite her vom Affen ab?“, eröffnete Wilberforce, Huxley parierte: „Lieber würde ich von einem Affen abstammen als von einem Mann, der seine großen Fähigkeiten und seinen Einfluss zum Zweck des Lächerlichmachens einsetzt.“ Das Publikum tobte.
Darwin selbst hatte andere Sorgen, ein neuer Kritiker war aufgetaucht, der Physiker William Thompson (später: Lord Kelvin), er thematisierte die Grundlage des Ganzen, die für die Entstehung der Arten nötige Zeit. Darwin hatte das Alter der Erde aus eigenen geologischen Studien herausauf 300 Millionen Jahre veranschlagt, aber Williams kam beim Berechnen des Alters der Sonne auf maximal 20 Millionen (man wusste damals nicht, warum die Sonne strahlt, man hielt es für eine Wirkung ihrer Gravitation). „Thompsons Ansichten des Alters der Welt waren eine Zeit lang meine sauersten Probleme“, schrieb er 1869 an Wallace. Und er suchte Zuflucht – bei Lamarck: Dessen „Unsinn“ mitden erworbenen Eigenschaften hatte einen großen Vorteil, es ging alles viel rascher als beim Zufall. Nun taucht in Darwins Notizen eine Katze aus dem Nachbardorf auf, die Junge mit kurzen Schwänzen warf, seit man ihren Schwanz kupiert hatte. Ähnliches hört er von Vorhäuten der Söhne beschnittenerVäter „in Nord-Celebes“.
Um den Meister zur Räson zu rufen, greift ein Schüler, Viktor Weismann, zur Schere und schneidet Mäuseweibchen die Schwänze ab, über 22 Generationen hinweg, nie hat auch nur ein Junges einen kurzen Schwanz: Erworbenes wird nicht vererbt.
Damit stehen die beiden Fronten: Auf der einen Seite lockt Lamarck, trotz Weismann, um die Jahrhundertwende ließ ihn der Wiener „Krötenküsser“ Paul Kammerer wieder aufleben, Lyssenko steigerte ihn zum Irrsinn,derzeit hat er, Lamarck, wieder wachsende Konjunktur. Auf der anderen Seite droht die Kirche, in den USA lief 1926 der erste Prozessgegen einen Lehrer, der Darwin im Biologieunterricht erwähnte, bis heute wird dort darum gestritten, was in Klassenzimmer gehört:Evolutionstheorie oder „Kreationismus“ (in neuen Gewändern: „intelligentes Design“ oder auch „Plan“). Anderswo wurde es ruhiger, 1996 erklärte Johannes Paul II., die Evolution sei „mehr als nur eine Hypothese“, viele interpretierten das dahin, dass die Kirche ihren Frieden mit Darwin gemacht habe.
Weit gefehlt. „Rather vague and unimportant“ sei die Äußerung des Papstes gewesen, korrigierte Christoph Kardinal Schönborn 2005 in der „New York Times“,das Gegenteil sei und bleibe wahr: „Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegzuerklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft“, mehr noch: „eine Abdankung der menschlichen Vernunft“. Den Kindern dürfe man das nicht verschweigen: „Der Kardinal meinte“, so die „NYT“, „er glaube, dass in katholischenSchulen und allen Schulen gelehrt werden solle, dass Evolution nur eine von vielen Theorien ist.“ In „allen Schulen“.
Am wortmächtigsten reagierte Darwins Siegelbewahrer Richard Dawkins, der in den Religionen die Ursache aller Übel sieht – ohne sie gäbe es „keinen 11. September, keine Kreuzzüge“ (et cetera) – und dem ein Gott besonders missfällt, der „des Alten Testaments“, ein „rachsüchtiger, blutrünstiger Tyrann“ (et cetera). Lässt man die Zwischenreden weg, ist man beim Original: Im Alten Testament ist Gott ein „rachsüchtiger Tyrann“; und eine Religion, in der Ungläubige – „wie mein Vater“ – ewig bestraft würden, ist eine „damnable doctrine“. So schrieb es Darwin 1876 in seiner Autobiografie, ungekürzt publiziert wurde es erst 1958, Darwins Frau war fromm, sie zensierte.
Er wurde 1882 in der Westminster Abbey neben Isaac Newton beigesetzt. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2008)