Jugendliche hinter Gittern: Über das Leben in Haft – und warum die Freiheit so schwierig ist.
St. Egyden/Steinfeld. Raubmord. Das war Abdis Fehler, sein bisher größter. Abdi ist 17 Jahre alt, als er sein Verbrechen verübt. Eines von vielen in seinem jungen Leben. Abdi wirkt harmlos, wie er da sitzt, in diesem kleinen, schlichten Raum, in T-Shirt und Jeans. In diesem Raum, in dem Gitterstäbe die Aussicht stören.
Seit mehr als drei Jahren ist Abdi nun schon hier. Gezwungenermaßen. Hier – das ist die Justizanstalt Gerasdorf am Steinfeld in Niederösterreich, nahe Wiener Neustadt. Die einzige Strafanstalt Österreichs für männliche Jugendliche.
Wie im Gefängnis sieht es auf dem Anstaltsgelände aber nur bedingt aus. Werkstätten, ein Fußballplatz, ein Schwimmbad, ein Turnsaal, ein Mehrzweckraum, eine Kirche – ein Internat hätte wohl das Gleiche zu bieten.
Nach Gerasdorf kommt nur, wer eine Haftstrafe von mehr als sechs Monaten zu verbüßen hat. 115 Jugendliche sind derzeit inhaftiert. Bereits ab dem 14. Lebensjahr, ab Strafmündigkeit, nimmt die Anstalt Verurteilte auf, bis zum 27. Lebensjahr haben sie die Möglichkeit, hierzubleiben.
Resozialisierung möglich?
Abdi erzählt: „Wenn ich hier rauskomme, werde ich keinen Blödsinn mehr machen.“ Nachsatz: „Aber wer weiß, was das Leben bringt.“ Frühstens in drei Jahren kann er vorzeitig bedingt entlassen werden. Erst dann spült ihn die Strafanstalt in das richtige Leben, in ein Leben in Freiheit zurück. „Bereits ab dem ersten Tag, an dem die Jugendlichen die Anstalt betreten, arbeiten wir mit ihnen an der Entlassung“, sagt Anstaltsleiterin Margitta Essenther.
Auch das Innere der Anstalt erinnert kaum an ein Gefängnis. Ein heller Boden aus Plastik durchzieht die Räumlichkeiten, die Wände sind in freundlichem Gelb gehalten, vereinzelt hängen Bilder an der Wand. Hinter schweren Metalltüren befinden sich die Zellen der Jugendlichen. Sie wirken fast gemütlich. Stofftiere, Vorhänge, Pokale, Poster von Frauen und Musikgruppen sind zu sehen.
Michael, er ist 18, sitzt seit beinahe fünf Jahren in Gerasdorf. Im Gegensatz zu Abdi kann er sich bald in Freiheit wähnen. Noch drei Monate, dann kann er das Gefängnis endlich verlassen. „Man muss versuchen zu vergessen, dass man hier ist. Sobald man weiß, dass man nach Hause darf, kann man aber nur noch daran denken.“ Michael hat seinen Hauptschulabschluss, ebenso wie seine Gesellenprüfung als Tischler in der Tasche. Körperverletzung und Einbruch hat er bereits hinter sich. Um seine Sucht nach Drogen zu stillen, benötigte er Geld. Ein Raub war die Folge. „Nur für dieses Delikt hätte ich bloß ein Jahr Haft bekommen, aber dann hätte ich mich bestimmt nicht geändert.“ Doch auf den Raub folgten Morddrohungen und die Verurteilung nach Paragraf 21, Absatz 2, des Strafgesetzbuchs. Er besagt, dass der Verurteilte in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen ist. Auch Gerasdorf bietet diese „Behandlung“. In diesen Fällen muss das Gericht jährlich prüfen, ob eine weitere Unterbringung in einer Anstalt nötig ist. Michael hat Perspektiven: Er will eine Wohnung, eine Familie. Einen Job für die Zeit danach hat er bereits.
Mit den Menschen aus dem Gefängnis möchte er brechen, in Freiheit nichts mehr mit ihnen zu tun haben. „Freunde sind das hier nicht.“ Michael will es in Zukunft tunlichst vermeiden, wieder auf die falsche Bahn zu geraten.
„Wir müssen die Jugendlichen nicht resozialisieren, sondern sozialisieren“, sagt Essenther. Mit einem Lehrabschluss haben sie weit bessere Zukunftschancen: Die Rückfallquote liegt hier bei acht bis zehn Prozent, insgesamt dagegen bei 50 bis 60 Prozent.
Alternative zum Gefängnis
Um die jungen Menschen noch besser auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten, würde sich Essenther andere Modelle wünschen: „Man sollte Jugendliche nicht mehr in Institutionen wie dieser einsperren.“ Betreute Wohngemeinschaften, wie sie bereits in der Schweiz oder auch in Deutschland zu finden sind, seien eine mögliche, auch bessere Alternative. Jugendliche würden dann zusammen mit geschultem Fachpersonal gemeinsam auf dem Land leben. „Ich glaube, die Anzahl der Insassen würde dann um ein Drittel sinken, und wir hätten nur noch 30 bis 40 Jugendliche, die wirklich ins Gefängnis müssen“, ist die Anstaltsleiterin überzeugt.
Dass Änderungen nicht ad hoc erfolgen können, weiß Essenther, die auch klinische Psychologin ist. „Man sollte sich trauen, ein Pilotprojekt zu starten.“ Dafür würde allerdings mehr Personal benötigt. Personal, das schon jetzt knapp ist. Essenther würde sich wünschen „den Jugendlichen den umgekehrten Freigang zu erlauben“.
Untertags würden die Inhaftierten in die Anstalt gehen, um zu arbeiten, zum Schlafen in ungenutzte – derzeit bereits verfügbare – Bungalows außerhalb der Anlage. Die Insassen würden so eine „Art Semifreiheit“ kennenlernen. Das Problem, das sie hierzulande sieht: „Die Öffentlichkeit ist dafür nicht reif.“
Ob Abdi oder Michael reif für so ein Projekt wären?
ZAHLEN UND FAKTEN
■In den ersten elf Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der angezeigten Fälle in der Gruppe der 10- bis 14-Jährigen um 30 Prozent; allein für diese Gruppe weist die Statistik 6302 Straftaten auf. Bei den 14- bis 18-Jährigen stieg die Zahl der angezeigten Fälle um 9,4 Prozent. Insgesamt saßen heuer zum Stichtag 1. November 718 Jugendliche hinter Gittern. 2007 waren es noch 788. Einen Spitzenwert erreichte die Anzahl jugendlicher Inhaftierter 2004: Damals saßen 1000 Personen im Gefängnis. In Haft sitzen die meisten wegen Delikten gegen fremdes Vermögen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2008)