Im Schatten von Linz

Die Oberösterreicher schaffen es glatt, uns Steirer kulturell in den Schatten zu stellen.

Zu Weihnachten fahre ich mit meiner Familie traditionell in die Steiermark. Mit „traditionell“ meine ich nicht, dass wir uns fürs Turmblasen Lederhosen anziehen und schwarz-grüne Filzhüte aufsetzen, sondern dass wir jedes Mal zu Weihnachten dorthin fahren. Meist besuchen wir dabei auch Graz, das vor sechs Jahren Kulturhauptstadt Europas war. Darauf sind wir noch immer ein bisschen stolz, auf die damals zur Schau gestellte moderne Kunst, die sonst immer auf den „herbst“ beschränkt ist. Die „Stadt der Volkserhebung“ kann auch anders.

Sechs Tage vor Neujahr ertappe ich mich diesmal aber bei einem melancholischen Gedanken. „In Linz müsste man sein!“, denke ich, während ich, auf der Brücke vor dem schmucken blauen Kunsthaus stehend, die berühmte, für 2003 von Vito Acconci geschaffene Murinsel betrachte – bedauernswertes Treibgut heute, das Café dort ist längst geschlossen.

Was ist geblieben vom großartigen Kulturhauptstadtjahr, dessen Eröffnung geradezu weltweit im TV übertragen wurde? Der von Markus Wilfing geschaffene Schatten des Uhrturms, der als schwarzer Zwilling aus Stahl die Besucher grüßte, fristet sein Dasein heute als Attraktion eines Einkaufszentrums an der Peripherie. Funktioniert wenigstens noch der „Marienlift“ von Richard Kriesche in der Herrengasse, mit dem Zehntausende gen Himmel zur goldenen Muttergottes fuhren? Nein. Er wurde im Vorjahr um 40.000 Euro an die Gemeinde Hartberg verkauft, die für ihre Spekulationslust landesweit berühmt ist. Geblieben ist Graz neben dem Kunsthaus und Peter Koglers toller Bahnhofsfassade nur die großzügig dimensionierte List-Halle, deren Unterhalt man sich kaum leisten kann.

So sehe ich also relativ skeptisch auf die emsigen Bautätigkeiten in Linz – nicht weil ich bezweifle, dass es die Metropole Oberösterreichs schaffen wird, ein würdevolles und teures europäisches Kulturhauptstadtjahr 2009 zu feiern, sondern aus reinem Neid. Zwischen Graz und Linz gibt es eine ewige Konkurrenz, welches der bessere Ort für Avantgarde sei. Mur oder Donau? Das ist derzeit ein ungleicher Kampf. Bücherweise schickt Linz09 mir seit einem Jahr aufwendige Programme. Die offizielle Website hat sogar einen richtigen Countdown.

Ich klicke mich rein: „Mit einem dreitägigen Eröffnungsfest für Gäste aus nah und fern feiert Linz seine europäische Mission.“ Hitlers Lieblingsstadt ist viel zuzutrauen. Sie hat traditionell die größeren Baulöcher. Die Oberösterreicher schaffen es glatt, uns Steirer kulturell in den Schatten zu stellen. Sogar eine „Raketensinfonie“ bieten die zu Silvester. „Um Mitternacht zelebrieren zündende musikalische Überraschungen einen Augen-, Ohren- und Seelenschmaus.“ Ich werde mich erkundigen, ob es eine oberösterreichische Tracht gibt, mit der ich zu Neujahr in Linz antanzen kann. Standesgemäß.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2008)

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