Markus Hengstschläger, Genetiker an der Medizin- Uni Wien, über Talente.
Die Presse: Der Schweizer Pädagoge Willi Stadelmann behauptet, dass 50 Prozent der Anlagen eines Kindes durch Vererbung bestimmt sind. Wie sehen Sie das?
Markus Hengstschläger: Ein Mensch ist nicht zur Gänze auf seine Gene reduzierbar. Er ist ein Wechselspiel zwischen Genetik und Umwelt. Anders ausgedrückt: Die Gene sind Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst. Gerade im Zusammenhang mit Bildung gibt es viele Parameter, die berücksichtigt werden müssen. Aber was hilft mir ein Talent, wenn es nicht gefunden und ausreichend gefördert wird?
Wie können Talente entdeckt werden?
Hengstschläger: Wir denken bei Talenten immer an ein herausragendes Talent. Die hohe Leistung, die wir vor allem im universitären Bereich wollen, setzt sich aber aus verschiedenen Komponenten zusammen. Es kommt auf die Kombinationen verschiedener Talente an, die man finden und fördern muss.
Das heißt, man kann noch an der Universität Talente entwickeln?
Hengstschläger: Ja, um Talente umzusetzen, ist es nie zu spät. Ich bin kein Anhänger des Satzes: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr.
Wie hoch ist die Eigenverantwortung bei der Wahrnehmung von Talenten?
Hengstschläger: Im studentischen Bereich benötigt man beispielsweise Fleiß, Engagement, Interesse. Wenn man das nicht hat, dann werden gewisse Dinge nie ans Tageslicht treten. Das gilt für das ganze Leben. Weiß jemand um ein Talent Bescheid, interessiert sich aber nicht in eine bestimmte Richtung, dann wird sich sein Talent nicht durchsetzen.
Bekommen junge Menschen ausreichend Chancen, um sich zu beweisen?
Hengstschläger: Bei uns an der Medizinischen Universität Wien bekommen junge Menschen jetzt sogar mehr Chancen als früher. Für junge Wissenschaftler zählen heute Forschungsergebnisse, Drittmittel, Lehrtätigkeit. All das war früher weniger ein Argument. Durch die Autonomie der Unis hat sich vieles geändert.
Werden die Chancen nicht weniger, gerade in einer Phase, wo Ihre Uni die Studienplätze aufstocken soll?
Hengstschläger: Die Lehrtätigkeit hat sich zum Positiven verändert. Das Studium ist jetzt näher an der Praxis, daher aber auch lehrintensiver. Wichtig ist aber auch das klare Bekenntnis einer Uni zur Lehre. Die Bringschuld liegt auf beiden Seiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2008)