"Kampf der Kulturen" war Huntingtons wichtigstes Werk. Viele seiner Thesen wurden wahr. Insgemsamt 17 Bücher hat der New Yorker Politikwissenschaftler geschrieben, 81-jährig ist er gestorben.
Menschen verschiedener Kulturen haben sowohl unterschiedliche Anschauungen über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, Individuum und Gruppe, Bürger und Staat, Eltern und Kindern, Mann und Frau als auch über die relative Bedeutung von Rechten und Pflichten, Freiheit und Autorität, Gleichheit und Hierarchie. Diese Unterschiede sind in Jahrhunderten gewachsen. Sie sind weit fundamentaler als die Unterschiede von Ideologien oder von Regierungssystemen.“ Nicht auf Anhieb leicht aufzunehmen, dieser Gedanke, was?
Es lohnt sich, diese These von Samuel P. Huntington zweimal zu lesen. Sie ist zentral in seinem Werk und wahr. Wie stark emotionale Grundstimmungen, Traditionen, Irrationales das Leben der Völker prägen, in diesen Zeiten, in denen immer schneller entschieden wird, werden muss, kann man immer wieder sehen. Rationalität ist Schall und Rauch. Auch die Finanzkrise lehrt es.
17 Bücher hat der New Yorker Politikwissenschaftler Samuel Philips Huntington geschrieben. 1996 erschien „Kampf der Kulturen“ („The Clash of Civilisations“), das Kultstatus errang. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der ersten Begeisterung darüber machte sich eine mulmige Stimmung breit: Was jetzt? Wohin? Die Globalisierung überrollte die Sinnsucher schneller und nachhaltiger, als sie es je gedacht hätten.
Ratschläge für US-Außenpolitik
Da kamen Huntingtons Theorien gerade richtig. Von wegen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama). Nur drei der acht oder neun Weltzivilisationen seien aufstrebend. Hindi, Sini (China) und Islam. Die westliche Zivilisation, die sich allzu lang für den Nabel der Welt gehalten hatte, werde durch eine multipolare Geopolitik herausgefordert, so Huntington, Lehrer am John M. Olin Institute for Strategic Studies in Harvard. Dass der Junge aus dem Mittelstand der East Bronx auch das US-Außenministerium beriet, rief alsbald Kritiker auf den Plan.
Zwar prophezeite Huntington, dass sich durch die ökonomische Modernisierung westliche Werte durchsetzen werden. Aber er forderte gleichzeitig Machtpolitik statt Menschenrechte. Die USA griffen allenthalben hart durch. Huntington wurde als Anwalt dieser Linie denunziert. Dabei sind seine Argumentationen differenzierter. Heute gilt er als derjenige, der die Religionen in die Politik zurückgeholt hat und nach den ältesten und beständigsten Gründen für Feindseligkeiten unter den Menschen suchte, wie Georg-Paul Hefty in der „FAZ“ schreibt. Dass der Westen, wie Huntington postulierte, an relativer Macht verloren hat, unter anderem durch das Bevölkerungswachstum in der islamischen Welt und durch das Wirtschaftswachstum in Ostasien, ist evident. Doch welche Kassandra wird schon gehört? Weder die Historikerin Barbara Tuchman (1912–1989), die die „Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam“ (Fischer) beschrieb, noch der Wormser Wirtschaftsprofessor und jetzige „Börsenguru“ Max Otte, dessen Buch „Der Crash kommt“ (Ullstein-Verlag) 2006 erschien.
2004 erschien ein weiteres Buch Huntingtons: „Who Are We. The Challenge to America's National Identity“. Der Feind lauert nunmehr nicht im Außen, sondern im Inneren; das Problem: die Vielzahl der Nationalitäten in den USA. Wir Österreicher kennen das aus der Monarchie. Huntington hält speziell die lateinamerikanische bzw. mexikanische Zuwanderung für bedenklich und empfiehlt die Rückkehr zu anglo-protestantischen Werten der ersten europäischen Siedler: geistiger Isolationismus.
Gewaltige Debattenwelle
Huntington löste eine weltweite Welle von Debatten aus. Kulturen bekämpften einander nicht, sie flössen ineinander, hielten der bulgarische Schriftsteller Ilija Trojanow („Der Weltensammler“) und der indische Dichter Ranjit Hoskote Huntington entgegen. Der deutsche Philosoph Otfried Höffe erklärte, der global entscheidende Konflikt finde nicht zwischen Westen und Nichtwesten statt, sondern zwischen Gruppen und Gesellschaften, die sich der normativen Modernisierung aussetzen, und denen, die sich ihr versperren. Die Friedensforschung fand Huntingtons Ideen eurozentrisch und allzu konservativ. Der libanesische Islamwissenschaftler Ralph Ghadban meinte, der Kampf der Kulturen sei eine Idee des Islam, die noch immer höchst aktuell sei.
Huntington musste sich immer wieder erklären. In einem Interview meinte er, das Gewaltpotenzial muslimischer Gesellschaften habe auch mit der hohen Geburtenrate zu tun. Sie bringe einen Überschuss junger Männer im Alter von 16 bis 30 Jahren hervor, der ein ideales Reservoir für Kulturkriege sei. Mit seinen Themen hat sich Huntington wohl ein Leben lang beschäftigt. Bereits 1969 erschien „Political Order in Changing Societies“ über politische und wirtschaftliche Entwicklungen in der Dritten Welt. Die Theorien des Harvard-Professors, auch ein typischer Analyst aus dem elitären Thinktank, fügen sich bestens in vorhandene amerikanische Denkstrukturen.
ZUR PERSON
■Der Sohn eines Publizisten und einer Schriftstellerin wurde 1927 in New York geboren. Bereits mit 18 schloss er Yale ab, 1949 begann er in Harvard zu lehren. Sein berühmtestes Buch „Kampf der Kulturen“ wurde in Europa mit Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ verglichen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2008)