Schanzen-Talk: Anton Innauer sieht den Sport mit seinen Identifikationsfiguren als Chance, um Krisen zu bewältigen. Für ihn ist die Tournee wie Wimbledon, Sportminister wird er nie.
Die Presse: Welche Bedeutung erhält ein Event wie die Vierschanzentournee in Zeiten einer Finanzkrise? Ermöglicht es Zuschauern leichter die Flucht aus dem Alltag? Feiert man seine Stars intensiver, bekommt der Patriotismus noch mehr Gewicht?
Anton Innauer: Ich bin schon von vielen darauf angesprochen worden, auch von Menschen, die sich in der Finanzwelt sehr gut auskennen. Der Sport, die Sportler sind jetzt wirklich wichtig. Der Mensch wünscht sich schließlich Identifikationsfiguren. Sie zeigen es vor, dass es sich lohnen kann, wenn man sich anstrengt und an sein Ziel glaubt. Ich bemerke, dass es vielen guttut, mit sympathischen Personen zu feiern, die sich nicht protzig ins Rampenlicht stellen. Das ist eine positive Art, die auch helfen kann.
Ist es Ihrer Meinung nach ein Zeichen, wenn Sponsoren dem Sport erhalten bleiben oder eine im Sommer erst abgeschlossene Zusammenarbeit (Volksbank, Anm.) trotz staatlicher Mithilfe gepusht wird?
Innauer: In Zeiten, in denen die Zeichen nicht unbedingt erfolgversprechend sind, muss immer jemand Schritte setzen! Zuversicht und Optimismus müssen gezeigt werden. Das spielt sicher eine Rolle, auch für den Bankensektor, der in ein nicht erwünschtes Licht geraten ist. Und da ist es gut, wenn man es mit unverdächtigen Sympathieträgern zu tun hat.
Unverdächtige Sympathieträger – sind das Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer? Können sie für Österreich erstmals seit dem Jahr 2000 die Tournee gewinnen? Es wäre der nächste, logische Schritt nach Olympia- und WM-Gold.
Innauer: Ja, und da erlaube ich mir auch einen etwas anderen Standpunkt. Natürlich genieße ich es, dass wir ein hohes Potenzial und eine relativ hohe Erfolgswahrscheinlichkeit haben mit den zwei Springern und noch ein, zwei anderen. Wir sind sehr stark, aber es bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir die Tournee gewinnen. Ich habe den Respekt und die Erfahrung in mir, dass es bei der Tournee ganz anders laufen kann als zuvor oder ein Gegner, sei es Simon Ammann oder irgendein anderer, plötzlich noch besser ist als in den Konkurrenzen zuvor.
Warum ist der Schweizer Simon Ammann derzeit so gut und gilt als schärfster Konkurrent Ihres Teams?
Innauer: Er ist talentiert, gescheit und hat gelernt, sich und seine Arbeit selbst zu reflektieren. Er ist seit 2002 und seinen Olympiasiegen ein Begriff. Jetzt ist er eine komplette Sportpersönlichkeit und hat etwas von der österreichischen Schule mitbekommen (Werner Schuster trainierte die Schweiz vergangene Saison, Anm.), die in ihrer Komplexheit schon ein gewisses Alleinstellungsmerkmal hat. Für ihn war das positiv, und es kommt jetzt noch ein weiteres österreichisches Element dazu mit dem Fischer-Ski und dem Know-how von Franz Neuländtner. Das hat ihn noch stärker gemacht. Es verläuft alles auf allerhöchstem Niveau, und das ist bei der Tournee notwendig. Aber das ist gut so: Konkurrenz belebt das Geschäft.
Ist die Tournee wirklich so eine Nervensache? Kann man diese vier Springen vielleicht mit anderen Sport-Highlights vergleichen? Etwa der Tour de France?
Innauer: Es ist immer eine Frage der Perspektive. Für mich ist die Tournee so etwas wie Wimbledon im Tennis. Das hat schon seit Ewigkeiten für mich große Bedeutung, ich habe es mir schon als Kind angeschaut, und auch heute noch sitze ich vor dem Fernseher. Jedes Jahr ist es aber eine komplett neue Geschichte mit neuen Gesichtern. So ist es auch bei der Tournee. Es gibt immer neue Springer, Kommentatoren, Ehrengäste, Mitwirkende, das Event ist aber tief in jeder Schicht der Gesellschaft verankert. Und trotzdem: Die Historie wird jedes Jahr neu geschrieben.
Stichwort Neubeginn: Österreich hat eine neue Regierung, der Sport verlor sein Staatssekretariat und landete beim Verteidigungsminister. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Welche Hoffnungen haben Sie?
Innauer: Ich bin zuletzt zu sehr mit der Tournee beschäftigt gewesen, um mir jetzt aus dem Stegreif verstärkt Gedanken über den Sport in Österreich zu machen. Das Einzige, was mich jedes Mal überrascht, ist, dass er eine große Bedeutung hat – in der Repräsentanz der Politik. Er wird aber nie im Wahlkampf thematisiert, nie. Warum? Das wirft schon ein klares Bild auf die Organisation des Sports in Österreich zwischen Politik und allen Dachverbänden. Der Sport sollte eine bessere Lobby haben!
Wäre es für Sie dann nicht reizvoll, selbst ins Geschehen einzugreifen? Könnten Sie sich einen Sportminister Innauer vorstellen?
Innauer: Möglich ist alles. Ob ich es bin, einer aus meiner Familie oder dem Bekanntenkreis, das kann ich nicht sagen – da gibt es viele Querdenker. Aus momentaner Sicht kann ich es mir nicht vorstellen.
ZUR PERSON
■Anton Innauer: *1. April 1958 in Bezau, Vorarlberg, verheiratet, drei Kinder. Bei Baldur Preiml lernte er im Skigymnasium Stams die Kunst des Absprungs, wurde 1980 Olympiasieger und arbeitet seit 1993 als ÖSV-Sportdirektor. [APA]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2008)