Neujahrskonzert: Warum der Donauwalzer langsam anhebt

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Die Ersten Geigen machen die Melodie, die Zweiten aber - mit den Bratschen - den Walzer. Peter Waechter, jahrzehntelang philharmonischer Stimmführer, im Gespräch über wienerische Geheimnisse.

Bruno Walter hat amerikanischen Musikern einmal über den Walzertakt gesagt: „Sie spielen immer Eins-zwei-drei. Eins-zwei-drei. Aber in Wien heißt das Eins-zwei und vielleicht-drei!“ Peter Waechter, jahrzehntelang Stimmführer der Zweiten Geigen der Philharmoniker, plaudert aus der Praxis.

Die Presse:Wie findet man nun den richtigen Punkt für die berüchtigte Walzerbegleitung? Was ist das Geheimnis?

Peter Waechter: Das Geheimnis liegt im Zuhören. Denn der Charakter der Melodie bestimmt die Art des Begleitens, des sogenannten Nachschlagens. Wenn es eine lyrische Melodie ist, dann ist meist das sogenannte Walzen angebracht. Das Walzen, das die Zwei früh und die Drei irgendwann – oder wie Bruno Walter eben sagt: „vielleicht“ bringt. Wenn ein Dirigent auf dieses Hängenlassen der Drei keinen Wert legt, dann kriegt der Walzer einen Vorwärtsdrive, der falsch ist. Dann fehlt das Gefühl für das Walzen. Warum fängt denn der Donauwalzer so langsam an? Das gilt für die freie Melodie. Es gibt aber auch motorische Begleitungen, wo eine Achtelbewegung durchläuft. Dann müssen sich in Wahrheit die ersten Geigen an die Begleitung anpassen!

Der Übergang von der Introduktion in den ersten Walzer der „Delirien“ ist ein Beispiel dafür. Fällt dann das „Walzen“ ganz weg?

Das Walzen ja, aber nicht die Flexibilität! Josef Strauß schreibt dort kein Ritardando vor. Trotzdem ist ein bisschen Entspannung dort schön. Furchtbar, wenn ein Dirigent das glatt durchspielen lässt, fantasielos!

Kann man so etwas überhaupt richtig dirigieren?

Der Dirigent darf nur wenig machen, er darf vor allem nicht harte Impulse geben. Die Mittelstimmen müssen den ersten Geigen dort den Teppich legen. Das muss der Dirigent entweder mitmachen oder sogar sanft vorgeben. Wenn er stur durchtaktiert, dann kommt es zu den schrecklichen Dingen des Musikerlebens. Aber jedenfalls unterscheidet sich eine solche, wenn auch sanft modellierte motorische Begleitung eklatant vom sogenannten Walzen ...

...bei dem sich ja auch graduelle Unterschiede ausmachen lassen?

Und klangliche! Das Nachschlagen muss prinzipiell immer von der Saite weg erfolgen. Niemals darf der Bogen quasi auf die Saite fallen. Der Ton muss von der Saite weg gezogen werden. Dann ist der Klang viel kontrollierbarer. Dann kann ich bei einer lyrischen Melodie auch ganz weich spielen. Und bei kräftig akzentuierten Walzern entsprechend kräftig. Es ist ein Unterschied, ob ich ein weiches Wham-wham oder ein härteres Tschak-tschak spiele.

Wo kann ein Musiker das alles lernen?

Auf die klanglichen Dinge wurde in unserer Wiener Ausbildung viel Wert gelegt. Wie wird Klang fantasievoll gemacht? Was kann ich durch Klang alles ausdrücken? Auch mit dem derzeit so propagierten virbratolosen Spiel kann ich zum Beispiel allerhand ausdrücken, Kälte zum Beispiel. Nur: Kann ich ununterbrochen kalt sein?

Wie steht es mit dem Rhythmusgefühl?

Solche Sachen werden so gut wie nie besprochen. Das hat man, oder man hat es nicht. Man spürt es, wenn man in dieser Tradition aufgewachsen ist.

Lag Musizieren bei Ihnen in der Familie?

Ich bin in einer Familie mit dem Bewusstsein für den Wert dieses Kulturgutes aufgewachsen – und mit ungefähr 50 Schellack-Platten, die ich rauf und runter gespielt hab; eine Fünfte Beethoven mit Furtwängler zum Beispiel, da krieg ich heute noch die Gänsehaut, wenn ich dran denk'! Das offene Ohr habe ich wahrscheinlich von diesem Schellack-Hören.

Und das Selber-Musizieren begann mit der sogenannten Unterhaltungsmusik.

Nach einer kurzen Zeit im Jeunesse-Orchester bin ich mit 19 nach Bad Gastein gegangen. Fünf Monate im Kurorchester, der Leiter hieß damals Hans Schneider, der – apropos aufgewachsen mit dieser Musik – das nie studiert hatte, aber anscheinend alles, was ich gespürt habe, richtig umgesetzt hat. Ich war begeisterter Kurorchester-Spieler. Wenn ich an die Potpourris denke, bedaure ich zutiefst, dass wir in der Staatsoper so gut wie nie Operetten spielen.

Philharmonisches

Peter Waechter,geborener Wiener, seit 1964 Stimmführer der Zweiten Violinen bei den Wiener Philharmonikern, trat 2008 in den Ruhestand.

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker steht diesmal unter der Leitung von Daniel Barenboim und wird, wie gewohnt, am 1. 1. ab 11 Uhr in ORF 2 live aus dem Musikverein übertragen. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2008)

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