Auch wenn es wehtut: Immer lächeln!

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Blinde Sportler zeigen nach Niederlagen die gleiche Mimik wie sehende. Sie muss in den Genen liegen.

Wenn wir lächeln, ganz offen oder gezwungen, dann drücken wir damit etwas aus und geben anderen ein Zeichen. Das kann Verschiedenes bedeuten, wir wollen die Freude teilen, wir wollen eine Situation entspannen und Nichtaggression signalisieren, es kann auch eine Lüge sein, im milderen Fall zeigt sie sich im „Verkäuferlächeln“. All das ist kulturell überbaut, wir haben es anderen abgeschaut, wir sind dazu angehalten worden. Wir? Wir, die wir es anderen abschauen konnten. Aber was ist mit denen, die nicht sehen? Lächeln sie auch in unseren Varianten? Das heißt auch: Steht hinter unserem wie ihrem Lächeln mehr als soziale Vereinbarung, hat es genetisch fixierte Ursachen?

Blinde müssen es zeigen. Aber es gibt nur wenige Vergleiche ihrer Mimik mit der von Sehenden. Wo soll man die Vergleiche auch anstellen, wenn man nicht in die künstliche Situation des Labors ausweichen will? Bei den Paralympischen Spielen etwa, die finden immer kurz nach den Olympischen statt, 2004 etwa waren sie in Athen. Dort hat Psychologe David Matsumoto (San Francisco State University) einen Fotografen zu den Judo-Kämpfen geschickt, er dokumentierte die Haltung des ganzen Körpers und die des Gesichts.

Die Körper sprechen alle gleich, ob sie zu Sehenden oder Blinden gehören, zu blind Geborenen oder Erblindeten, egal, aus welchen Kulturen sie kommen (es ist auch bei Naturvölkern so, die niemanden zu Olympia entsenden): Wer gewinnt, macht sich groß und reißt die Arme hoch – auch unabhängig vom Geschlecht –, Verlierer lassen den Kopf hängen und machen sich klein. Es erinnert stark an Gorillas, die sich nach einem Sieg über einen Rivalen erheben und an die Brust trommeln, es erinnert auch an die Unterwerfungsgesten von Schimpansen. „Es ist universell“, schloss Matsumoto: „Es ist eine evolutionäre Anpassung zur Absicherung des Status“ (Pnas, 105, S.11655).

Das war diesen Sommer, nun ist Matsumoto von der Analyse der großen Gestik in die der feinen Mimik gegangen, er hatte den Fotografen um die Dokumentation dreier Stadien gebeten – direkt nach dem Kampf, bei der Entgegennahme der Medaille, beim anschließenden Posieren: Nach einem Sieg lacht das ganze Gesicht, nicht nur um den Mund herum, sondern auch um die Augen herum, nach einer Niederlage verfällt ein Gesicht in die ganze Palette von Enttäuschung, Ärger und Trauer. Aber es fängt sich wieder, wenn es sich wieder fangen muss: Wenn die Silbermedaille um den Hals gehängt wird – weithin sichtbares Zeichen der Niederlage – und wenn anschließend vor Publikum und Kameras posiert wird, kommt ein Lächeln ins Gesicht. Aber kein echtes, sondern eines, das die Psychologen „soziales Lächeln“ nennen: Dabei sind nur die Muskeln um den Mund herum tätig, in der Augenregion regt sich nichts.

Bloß nicht beißen oder schreien!

Natürlich ist das ein soziales Signal, aber es ist nur auch ein soziales Signal, Blinde können es ja niemandem abgesehen haben. Sie haben zwar gelernt, es in dieser Situation einzusetzen – ihre Erzieher und Trainer werden ihnen gesagt haben, dass Lächeln Pflicht ist –, aber sie konnten es nur lernen, weil sie, wie wir alle, dieses Lächeln wieder in den Genen haben, zu einem ganz anderen Zweck: „Es ist wohl evolutionäres Erbe. Es ist möglich, dass Menschen ein System entwickelt haben, das als Reaktion auf negative Emotionen den Mund schließt – sodass sie vor Schreien, Beißen und Beschimpfen beschützt sind.“ (Journal for Personality and Social Psychology, 96, S.1).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2008)

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