So sicher wie selbstverständlich – der Euro feiert still seinen zehnten Geburtstag.
Wien. Die Welt ist ungerecht, und Europa ist es erst recht. Zehn Jahre wird das Kind, es tut fast alles, was man von ihm erwartet, und wird an seinem ersten runden Geburtstag doch nicht gefeiert. Die meisten der 325 Millionen Bürger, die mit ihm täglich zu tun haben, wissen nicht einmal von dem Jubiläum.
Ihnen wurde die Existenz des Euro erst drei Jahre nach seiner Geburt bewusst, als seine Scheine und Münzen in ihren Geldbörsen Einzug hielten. Die Geburtshelfer üben sich zum Jahrestag in Understatement. „Der Euro funktioniert“, resümiert EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ziemlich herzlos.
Da gab es vor zehn Jahren mehr Brimborium. Schon 1995 hatte man einen Namen ausgesucht. Dann wurde elf Ländern in einem Stabilitätspakt eingeschärft, wie sie mit dem Baby umzugehen haben, auf dass es nicht schwach und krank werde.
Zu Silvester 1998 wurde entbunden. Von da an waren die nationalen Währungen mit einem fixen Wechselkurs unwiderruflich an den Euro gekoppelt und damit bedeutungslos geworden. Pünktlich zu Mitternacht knallten in der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Frankfurt die Korken. Präsident Wim Duisenberg und die Finanzminister stießen mit Schampus an. Die Freude schien groß.
Vielleicht aber wollten sie sich auch nur Mut antrinken. Denn das Experiment war höchst gewagt: eine Währung ohne Land, souveräne Staaten, die ihre geldpolitische Autonomie an eine supranationale Bank abgaben – dafür gab es kein Vorbild. Viele Ökonomen prophezeiten der Einheitswährung denn auch ein kurzes Leben.
Ihr Hauptargument: Eine monetäre Union ohne politische Union funktioniert nicht, weil die elf (heute 15) Länder ja weiterhin ihre eigene Fiskalpolitik, also mehr oder weniger Schulden machen und die Inflationsraten auseinanderklaffen. Die gewählten Regierungen wären zu mächtig für die demokratisch nur schwach legitimierten Kindermädchen, die EZB und die EU-Kommission. Statt die starke Deutschmark zu beerben, würde der arme Kleine von Südländern zum Schwächling erzogen. Die Zweifler schienen recht zu behalten: Nach der postnatalen Euphorie verlor der Euro rasch an Wert und sank auf 80 Dollar-Cent.
Fast alle Hoffnungen erfüllt
Doch von da an ging es bergauf. Das Korsett an Regeln erwies sich als robuster, die EZB als sturer, die Währung als krisensicherer als gedacht. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Ein Viertel aller Devisenreserven wird in Euro gehalten, er ist auf dem Weg zur globalen Leitwährung. Die Inflationsrate blieb mit durchschnittlich 2,2 Prozent sogar unter dem alten deutschen Niveau. Transaktionskosten fielen weg, zuletzt auch für bargeldlose Zahlungen. Nur der Extrawachstumsschub, den Brüssel versprochen hatte, blieb aus.
Vor allem aber gehören chaotische Kurskapriolen, die Geiselnahme von Währungen durch Spekulanten und ruinöse Abwertungswettläufe im Euroraum der Geschichte an. Vielleicht kommt deshalb so wenig Feierstimmung auf– weil man eine solide Währung nicht spürt. So macht Barroso dem Euro im Grunde das schönste aller Komplimente: Er funktioniert ganz einfach. Hoffentlich auch in den kommenden zehn Jahren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2008)